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1. Handlungsbedarf des Staates
Wir sehen einen dringenden Handlungs- und Gestaltungsbedarf des
Staates. Die bisherige, fast schon dogmatisch gewordene, Position
des Setzens auf Privatisierung wichtiger Bereiche der Fachinformation
muß neu bedacht werden, ohne damit grundsätzlich die Berechtigung
und Leistungsfähigkeit eines freien Informationsmarktes in Zweifel
zu ziehen. Die Märkte der Information sind nicht nur kommerzielle
Marktplätze, sondern auch Foren des öffentlichen Austauschs von
Wissen. Dem Auf- und Ausbau von Informations- und Kommunikationsinfrastrukturen
kommt die gleiche Bedeutung zu, wie sie die traditionellen Infrastrukturen
(z.B. für Verkehr oder Energieversorgung) seit langem haben. Oberstes
Ziel einer verantwortlichen Informations- und Kommunikationspolitik
(IuK-Politik) und damit auch der Fachinformationspolitik muß es
sein, den Mitgliedern und Institutionen der Gesellschaft zu ermöglichen,
informationell autonom zu agieren, d.h. ihnen den Zugriff auf die
relevanten Informationsquellen zu zumutbaren fairen Bedingungen
zu sichern, und die Bürgerinnen und Bürger in die Lage zu versetzen,
Informationsprodukte bewerten und nutzen zu können. Aus diesem allgemeinen
Ziel leiten sich die folgenden weiteren ab, die jeweils auf die
unterschiedlichen Bereiche der Gesellschaft bzw. Volkswirtschaft
bezogen sind.
2. Wirtschaft
Die Informationsgesellschaft ist in ökonomischer Hinsicht wesentlich
dadurch geprägt, daß in ihr die Verfügung über Wissen zu den wesentlichen
Erfolgsfaktoren gehört. Nicht umsonst wird zum Bewertungsmaßstab
von Organisationen und Unternehmen, auch an der Börse, die Einschätzung
ihres intellektuellen Kapitals. Dieses Kapital kann immer weniger
aus den Organisationen heraus selber erarbeitet werden, sondern
ist auf die Erschließung der Information aus den entstehenden globalen
Informationsmärkten angewiesen. Die Kompetenz von Organisationen
beruht nicht zuletzt darauf, die vorhandenen Informations- und Kommunikationsstrukturen
in technischer und methodisch-inhaltlicher Sicht für ihre Zwecke
einzusetzen. Alle Maßnahmen zur verstärkten Zusammenarbeit von Wissensproduzenten
und Wissensanwendern und zur Erschließung aller Ressourcen müssen
unterstützt werden. Dabei sollte Fachinformation aus ökonomischer
Sicht nicht länger nur als Voraussetzung für Wachstum gesehen werden,
sondern als unverzichtbare Grundlage der Wettbewerbsfähigkeit der
deutschen Wirtschaft im globalen Maßstab und damit als Grundlage
des gesellschaftlichen Reichtums insgesamt.
3. Informationswirtschaft
Die Informationswirtschaft, also der Bereich der allgemeinen Volkswirtschaft,
der für die Produktion, Aufbereitung und Verteilung von Informationsprodukten
und –dienstleistungen zuständig ist, ist der Motor der Wirtschaft
in der Informationsgesellschaft. Ihre Bedeutung gewinnt sie vor
allem durch ihre Zuarbeit zu den anderen Sektoren der Volkswirtschaft,
wie den Agrar-, Industrie-, Dienstleistungssektoren und dem Sektor
der öffentlichen Verwaltung und Politik.
4. Preispolitik
Der Informationswirtschaft, die ihre Leistungen weitgehend durch
die Aufbereitung von Wissen erzielt, das mit öffentlicher Finanzierung
erarbeitet wurde, müssen neue Anreize zur Gestaltung einer fairen
und für sie konkurrenzfähigen Preispolitik gegeben werden.
5. Steuerungsbedarf
Auch in der Marktwirtschaft besteht ein erheblicher Steuerungsbedarf
des Staates für den zentralen Bereich der Informationswirtschaft
bzw. besteht die Notwendigkeit zur Schaffung von Anreizen, z. B.
- durch Vorgabe politischer Leitziele, wie z.B. freier und fairer
Zugriff auf Information, Bildung von Informationskompetenz für
alle
- durch Entwicklung rechtlicher und standardisierender Rahmenbedingungen,
wie z. B. neuer fairer Besteuerungsmodelle oder eines neuen „fair
use“ im Urheberrecht,
- durch die Förderung von Vorhaben zur Entwicklung innovativer
Produkte,
- durch Anforderungen an ein leistungsfähiges Informationsmarketing
(als Bringschuld der Fachinformation)
- durch das Schaffen neuer vernetzter Organisationsformen
6. Wissenschaft
Von der fortschreitenden Ökonomisierung von Wissen und Information
sind auch die Bereiche Wissenschaft und Bildung betroffen. So wie
es in Kulturstaaten wie Deutschland mit den Bibliotheken immer gesichert
war, so muß auch heute unter den Bedingungen des fortschreitenden
Einsatzes von Informations- und Kommunikationstechniken und von
Multimedia der freie Zugang der Wissenschaft zu den Ressourcen des
Wissens, zu den Produkten und Dienstleistungen der öffentlichen
und privaten, kommerziellen Informationsmärkte unbedingt gesichert
sein.
7. Verteilung und Verbreitung von Wissen
Es müssen neue Wege gefunden werden, die es der Wissenschaft, in
Koordination mit den gegenwärtigen Distributoren von Wissen (Verlagen,
Agenturen, Bibliotheken, Buchhandel) und in Zusammenarbeit mit den
Fachgesellschaften und den jeweiligen internationalen wissenschaftlichen
Gemeinschaften, erlaubt, neue Verfahren der Direktpublikation, Direktkommunikation
und Direktverteilung in großem Stil zu entwickeln, ohne dabei Qualitätseinbußen
gegenüber dem derzeit bestehenden Informations- und Kommunikationsbetrieb
zu erleiden. Es kann nicht sein, daß die Wissenschaft ihre eigenen
Produkte von der Wirtschaft zurückkaufen muß. Informationsmärkte
werden zunehmend zu Endnutzer- und Endanbietermärkten, in Verbindung
mit neuen, personalen und technischen Mittlerformen.
8. Politik und Verwaltung
Der Bedeutung von Fachinformation für die Bereiche Politik und
Verwaltung muß deutlicher Rechnung getragen werden, damit Rationalität
und Effizienz von politischen und administrativen Handlungen durch
die Nutzung von Information gesteigert werden kann. Die Anstrengungen
der Verwaltung, im Rahmen der derzeit favorisierten neuen Steuerungsmodelle
bürgernähere und leistungsstärkere und mit der Wirtschaft koordinierte
Verfahren zu entwickeln, hängen entscheidend davon ab, inwieweit
ein leistungsfähiges Informationsmanagement und entsprechend der
Zugriff auf einschlägige Fachinformation realisiert werden kann.
Dieses Informationsmanagement muß zusammengehen mit der Bereitschaft
der Verwaltung, im Sinne einer informationellen Symmetrie auch die
Verwaltungsinformation selber für die Bürger umfänglicher und besser
verfügbar zu machen.
9. Öffentlichkeit
Die Frage des Zugriffs auf die Informationsressourcen ist die entscheidende
auch für die Fachkommunikationspolitik (s. Punkt 1), und zwar sowohl
in nutzender als auch gestaltender Hinsicht. Die Rolle von Fachinformation
zur Bildung von aufgeklärter Öffentlichkeit im demokratischen Gemeinwesen
muß im Zusammenspiel mit den Medien der bisherigen Massenkommunikation,
aber auch durch die Berücksichtigung neuer direkter Formen der Teilhabe
der Bürger am öffentlichen Geschehen, z. B. über elektronische Foren,
neu bestimmt und erweitert werden.
10. Kulturauftrag
So wichtig und unverzichtbar die ökonomische und politische Funktion
von Fachinformation auch ist, es darf auf keinen Fall vernachlässigt
werden, daß jede Generation die Pflicht hat, das bis dahin erarbeitete
Wissen nachfolgenden Generationen aufzubereiten und aufzubewahren.
Nicht umsonst baut die UNESCO derzeit weltweit nach den erfolgreichen
Programmen des Weltnatur- und Weltkulturerbes ein Programm „Memory
of the World“ auf. Es darf nicht passieren, wie derzeit dramatisch
z. B. bei den großen chemischen Wissensbeständen wie Gmelin und
Beilstein ersichtlich, daß der Staat durch vorschnelle Privatisierung
sich der Verantwortung zur kontinuierlichen Bestandssicherung auch
nur partiell entzieht. Sicherung von Fachinformation, Archivierung
von Wissen zum Zweck zukünftiger, gegenwärtig vielleicht noch unbekannter
Nutzung, ist eine der zentralen Kulturaufgaben.
11. Informations- und Medienkompetenz
Unter Anerkennung der grundsätzlichen Zuständigkeit der Länder
für Angelegenheiten von Aus- und Weiterbildung muß sich eine neue
Informationspolitik verstärkt um die Entwicklung von Informations-
und Medienkompetenz auf allen Ebenen der Ausbildung und in allen
Bereichen der öffentlichen und privaten Weiterbildung kümmern. Hierzu
gehört ebenfalls die Bereitstellung der entsprechenden technischen
Infrastruktur und Lehr- und Lernmittel, aber auch die Weiterqualifikation
der Ausbilder, Lehrer, Hochschullehrer selber. Nicht der Informatikführerschein
allein ist das Ziel von Informationskompetenz, sondern die Bildung
von Urteilskraft zur Einschätzung und Selektion von überbordender
Information aus weltweiten heterogenen Quellen. Deren Zuverlässigkeit
ist durchaus nicht immer bekannt. Entsprechend müssen nachvollziehbare
Verfahren der Qualitätssicherung entwickelt werden.
12. Transparenz
achinformation geht alle gesellschaftlichen Bereiche an. Eine neue
Fachinformationspolitik muß daher stärker als bisher auf Transparenz
und Mitwirkung aller dabei beteiligten Gruppen ausgerichtet sein.
Zweckmäßigerweise sollte dabei das BMBF weiterhin die koordinierende
und stimulierende Rolle spielen. Es müssen dabei neue Formen entwickelt
werden, durch die in der allgemeinen Öffentlichkeit, in den Fachgesellschaften,
in den Medien, in den Organisationen der Informationswirtschaft
und in den vielen gesellschaftlichen Gruppierungen bis hin zu den
Bürgerbewegungen das Bewußtsein für die Wichtigkeit von Fachinformation
und für die Verantwortung der Gestaltung des Fachinformationsgebietes
auch gestärkt wird im internationalen Maßstab, z. B. zur Überwindung
der Barrieren zwischen informationsarmen und informationsreichen
Ländern.
13. Informationseinrichtungen
Zur Leistungsfähigkeit der Fachinformation gehören ihre Infrastruktur
und die in den letzten ca. 25 Jahren eingerichteten Fachinformationseinrichtungen/-zentren.
Deren Rolle ist in den letzten Jahren in erster Linie durch kaum
weiter begründete Rationalisierungs- bzw. Privatisierungsanforderungen
der Fachinformationspolitik in Frage gestellt worden. Die anstehende
Transformation der Institutionen des Fachinformationsgebietes muß
sehr vorsichtig und nach den Ergebnissen einer transparenten, öffentlichen
und weitgehenden Konsensdebatte geführt werden.
14. Infrastruktur
Die gegenwärtig unbefriedigende politische Situation des Fachinformationsgebietes
ist auch darauf zurückzuführen, daß sich die Politik des Instruments
einer Infrastruktureinrichtungen des Informationsgebietes selber
durch Auflösung der Gesellschaft für Information und Dokumentation
(GID) beraubt hatte. Seitdem beruhen politische Zielfindung, Politikberatung
und die Wahrnehmung der vielfältigen informationellen Infrastrukturaufgaben
und Öffentlichkeitsarbeit, auch bezüglich der Koordination in Europa,
auf eher zufälligen Kontakten und sind kaum in der Öffentlichkeit
nachvollziehbar. Es sollte Aufgabe der Fachinformationspolitik sein,
herauszuarbeiten, unter welchen Bedingungen – jenseits eines heute
gänzlich unangebrachten Zentralismus, aber auch jenseits einer zersplitterten
Beliebigkeit – eine leistungsfähige, vernetzte, und für Kontinuität
und Transparenz sorgende Fachinformationsinfrastruktur geschaffen
werden kann.
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