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Ich begrüße Sie im Namen des Vorstands
der Deutschen UNESCO Kommission zu unserem Workshop Die
UNESCO und die Informationsgesellschaft.
Das Treffen dient der Abstimmung der deutschen Position im Blick
auf die Programmdiskussion zur 30. Generalkonferenz der UNESCO im
Herbst. Ich freue mich über Ihr Interesse und Ihre Bereitschaft,
daran mitzuwirken und danke Ihnen dafür.
Neue Öffentlichkeit und Medienverantwortung titelte
Prof. Kuhlen seinen Vortrag,-Grundlage unserer Diskussion, die am
Nachmittag durch Einwürfe
aus der Sicht des langfährigen Präsidenten und deutschen
Vertreters im Exekutivrat der UNESCO; Prof. Canisius,
aus Sicht des Leiters der media section des Europarats, Rüdiger
Dossow, und schließlich
aus Sicht der neuen Akteure im Mediengeschäft, vertreten
durch die Bertelsmann Stiftung, Frau Fritzsch noch weitere Anstöße
bekommt.
Ihnen allen und ganz besonders auch unseren Gästen danke ich
herzlich.
Das heutige Treffen führt Mitglieder der Deutschen UNESCO-Kommission
mit weiteren Experten zusammen, sei es aus der Wissenschaft, dem
Stiftungsbereich, dem anderer internationaler Organisationen. Klein
sollte es sein und doch diesen Kriterien genügen. Auf einige
der Eingeladenen, die lebhaftes Interesse an dem Gegenstand unserer
Diskussion bekundet haben, müssen wir verzichten, die Vorsitzende
des Kulturausschusses Frau Leonhard gehört ebenso dazu wie
die Professoren Kubischek, Kleinsteuber und Leggewie. Die Termine
waren dagegen. Es könnte sich daher anbieten, die bis zum Sommer
zu erarbeitende Position der DUK im September zum Gegenstand eines
Hearings mit anschließender Pressekonferenz zu machen.
Hierüber werden wir in unserer Abschlußdiskussion sprechen.
Zunächst habe ich Ihnen noch eine Veränderung bei den
Teilnehmer mitzuteilen, abgesagt hat heute früh Professor Brunnstein,
absagen mußte schließlich auch Prof. Leonhard, Vorstand
des Deutschen Runfunkinstituts, dessen Genesung nach seinem Unfall
doch noch nicht so weit fortgeschritten ist, wie er sich das gewünscht
hätte. Das bedeutet auch, daß wir über einen Moderator
für heute Vormittag zu entscheiden haben, und ich hoffe auf
Ihr Einverständnis, wenn ich Ihnen dazu einen Vorschlag unterbreite:
Reinhard Keune. Herzlichen Dank.
Erlauben Sie mir nun einige einführende Bemerkungen.
I. Die digitale Revolution, die Ursache für
die Wandlung der Industrie- zur Informationsgesellschaft, dürfte
die einzige Revolution in der Geschichte der Menschheit sein, bei
der das Datum der Beendigung schon feststeht: 2010 in Europa, 2006
in den USA. Ganz im Ernst: Wenn schon das Ende angesagt ist und
es in so greifbarer Nähe ist, sind wir vermutlich mittendrin.
Entscheidungen finden statt, stellt Niklas Luhmann ungerührt
von seiner Beobachterposition fest. Und manchmal könnte man
ihn darum beneiden.
Anders der frühere Saatchi & Saatchi-Mann L. Gavin, Abkömmling
einer der alten Londoner Familien, Millionär, und seit kurzem
Direktor von BBC Worldwide.
1. Es ist der bestimmende Moment in der Einführung der digitalen
Revolution, sagt der Enthusiast, die Technologie sei am Platze:
die Vetriebsnetzwerke stehen und die gemeinsame Plattform für
alle medialen Anwendungen u. Endprodukte
Wie sich Inhalte, genauer: content assets, inhaltliche Vermögenswerte
der BBC, in ein weltweites globales Medienforum in der neuen digitalen
Umgebung übersetzen lassen: das sei die derzeit größte
Herausforderung.
Der Mann steht nicht allein. Vor drei Jahren haben wir die
Medienlandschaft anders bewertet, jetzt sind wir schlauer,
verkündete Thomas Middelhoff, Vorstandschef der Bertelsmann
AG, drittgrößter Medienkonzern der Welt, einer verblüfften
Branche am 24. Februar. In drei bis fünf Jahren will das Unternehmen
seine gesamte Produktpalette weltweit elektronisch im Internet vermarkten;
und dagegen sei Pay-TV, um dessen Kontrolle der Konzern, der jährlich
30 Mrd. Mark umsetzt, bis zum Verbot durch die EU-Kommission so
lange gestritten hatte, Zitat Middelhoff: Entschuldigung,
kleiner Fliegendreck. Auch die Buchpreisbindung sieht Middelhoff
als liebenswertes Relikt aus Zeiten des Deutsch - österreichischen
Zollvereins - in Zeiten globaler elektronischer Vermarktung allerdings
ohne Relevanz. Daß das harte Urteil der Überflüssigkeit
postwendend zurückgenommen wurde, ist wohl kulturpolitischer
Taktik geschuldet. An der Einsicht aus diesem Lehrstück, wie
nationale Politik durch die Entwicklungen überflügelt
wird, ändert das nichts.
Sony vollzog am letzten Wochenende den Schwenk gleich mit. Nicht
mehr in Fernseher und Walkman sieht die Weltfirma den Markt der
Zukunft, sondern im Internet , Grund für den radikalen Umbau
des Konzerns, der 17 000 Arbeitsplätze kostet: Weg von der
Hardware hin zur Software. Musik - und Filme sollen mit Hilfe von
Netztechnologie zu einem der Hauptgeschäftszweige werden. Content-Marketing
ist lukrativer als Gerätemarketing.
2. Die wirtschaftliche Herausforderung heißt: die Sache mit
den Mehrwerten klären, oder, weniger salopp gesagt: Wertschöpfung
aus dem Inhalt zu schaffen.
3. Die gesellschaftliche Herausforderung heißt: Die Sache
zwischen den Werten und dem Mehrwert zu klären. Es ist kein
Zufall, daß Helmut Schmidts Buch über die Werte der neuen
Bürgergesellschaft Spitzenreiter der Bestsellerliste ist.
4. Dabei ist es offensichtlich, daß die Dinge nicht parallel
liegen, sondern sich hautnah berühren. Allerdings mit einer
nicht unbedeutenden Gewichtsverschiebung. Noch immer sprechen wir
von Medien und meinen die Medienindustrie. Aber ist uns bewußt,
daß sich deren Tätigkeit vielleicht zu 90% nicht mehr
mit Journalismus befaßt? Freimut Duve, der Medienbeauftragte
der OSZE, spricht von der Industrialisierung des First Amendment
Act oder - wahlweise - von der des Artikels.
5. In der Industrialisierung der Medien und der sich zeitgleich
vollziehenden Industrialisierung weiter Teile des Rechtssystems,
der dritten und der vierten Gewalt also, vollziehe sich eine der
drastischsten Veränderungen der westlichen Demokratien.
Und das gilt nicht nur im Blick auf die Machtverhältnisse.
Wenn es richtig ist, daß einzelne Medien der Ort sind von
dem aktuelle Botschaften ausgehen, z.B. daß Krieg schlecht
und Frieden gut ist, ein Credo, auf dem die gesamte politische Berichterstattung
bislang basiert; wenn es richtig ist, daß die heutigen Fassungen
der Glaubenssätze, der Glaubensartikel, der Regeln des Lebens
und des Umgangs medial erstellt und medial vermittelt werden, was
heißt das dann? Kommunikations- und Arbeitsmittel in einem
offerieren die online-Medien nahezu alles, was die menschliche Phantasie
erschaffen hat. Konsequent dem Hypertextprinzip folgend kann das
Publikum aktiv zusammenfügen, wahr oder unwahr, was in seinen
Augen zusammengehört.
Wir haben über den Begriff der Öffentlichkeit neu nachzudenken.
Das Internet ist Bestandteil unserer Kultur, vielleicht wird es
unsere Kultur sogar neu definieren.
Daß Kommunikation, dieses Lebensmittel der Moderne,
reguliert werden soll auf Grund der Gemeinwohlbindung, wird immer
noch gesagt, die Schlüsselfragen aber heißen wie? und
durch wen? Wer definiert die Regel? Die für die gesetzten und
die für die zu verhandelnden Rahmenbedingungen? Und übrigens
auch: mit welchen Folgen für die Verteilung der Zugänge
in der Welt?
Keine Frage: Daß das der Nationalstaat nicht mehr alleine
kann, ist allen bewußt. Der wenig schmeichelhafte Befund von
Habermas für die organisierte Politik: Sie verfalle in den
gebremsten Alarmismus aufgeklärter Ratlosigkeit.
Die lähmende Aussicht, daß sich die nationale
Politik in Zukunft auf das mehr oder weniger intelligente Management
internationaler Vorgaben reduziere, entzieht den politischen
Auseinandersetzungen den letzten Rest von Substanz. Übrig
bleibe die programmatische Entleerung von Politik, die auf
den Politikwechsel an sich zusammenschrumpfe. Es gebe indes Alternativen
zur aufgesetzten Fröhlichkeit einer neoliberalen Politik,
die sich selbst abwickelt. Wesentlich sei es, die für
den demokratischen Prozeß geeigneten Formen auch jenseits
des Nationalstaates zu suchen. Vernetzung ist für Habermas
dabei ein Schlüsselbegriff für eine transnationale Politik
des Einhegens globaler Netze statt perspektivloser
Anpassung an Imperative der Standortkonkurrenz.
Sein Credo: der Politik etwas Normatives zurückgeben. Sie
dürfe von der Idee nicht lassen, daß eine Gesellschaft
demokratisch auf sich selber einwirken kann. Die Marktgesellschaft
der Zukunft - eingebettet in die Zivilgesellschaft? Übrigens
hat Middelhoff Habermas gut zugehört. Nun will er eine globale
Medienordnung für das Internet zusammen mit anderen Medienmanagern
schaffen, 25 Auserwählte sollen es sein, die sich bis zum Sommer
über einen verträglichen Standard für das Datennetz
einig werden. Standards für Steuern auf Handel und Inhalte,
Gebühren für die notwendigen technischen Verfahren sollen
geregelt werden, eine Art G7 der Medienwirtschaft sei
da am Werke, sagte Middelhoff in Anspielung auf die führenden
Industriestaaten. Aus der Gruppe soll ein weltweiter Presserat für
das Internet hervorgehen.Hängt die Marktgesellschaft die Zivilgesellschaft
ab? Und der Staat? Die Amerikaner würden sagen: die Regierung?
Die Geheimniskrämerei um Enfopool - ist das die Reaktion?
II. Kommunikationspolitik ist Handeln, das
auf die Durchsetzung von Werten und Zielen im Bereich der öffentlichen
Kommunikation gerichtet ist, hat der frühere Vorsitzende
des Fachausschusses Kommunikation, Information und Informatik (CII)
der Deutschen UNESCO-Kommission, Prof. Roegele, einmal gesagt, (Zitat)..eine
Form der Politik, die Wirkungen ausüben, Machtverhältnisse
und Ordnungen etablieren, festigen, weiterentwickeln...oder aufheben
will. Ohne Zielsetzungen und Leitlinien ist da nicht auszukommen.
Maßstab für die UNESCO ist die Allgemeine Erklärung
der Menschenrechte.
Man kann darüber streiten, ob die UNESCO das wichtigste
und einflußreichste Forum in der internationalen Kommunikationspolitik
ist, wie Christian Breuning bei der Versammlung der Publizistik-
u. Kommunikationswissenschaftler feststellte. Aber die UN-Organisation
für Bildung, Erziehung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation
ist die einzige universelle Organisation mit einem expliziten Mandat
für Medien und Kommunikation.
Am Ende dieses Jahrhunderts fragt sich die nach dem zweiten Weltkrieg
mit dem Ziel der Friedenssicherung gegründete UN-Sonderorganisation,
was das heißt in Zeiten der Globalisierung. Sie sieht die
Notwendigkeit, ethische und intellektuelle Maßstäbe zu
formulieren. Und sie sieht sich in der vom VN-System zugewiesenen
und den Mitgliedsstaaten eingeforderten Rolle eines Forums, in dem
die notwendigen neuen guiding principles für die
ethischen und sozialen Fragen der Modernisierung von Medienindustrie,
Kultur und Kommunikation formuliert werden. Wenn Sie so wollen,
eine Harmonisierungsinstanz.
Das Ziel der UNESCO ist Frieden. Er ist Ausgangs- und Fluchtpunkt
all ihrer Aktivitäten. Frieden ist ohne Verständigung
und Verständnis nicht zu haben. Das wechselseitige Verständnis
(zu) fördern und dafür internationale Übereinkünfte
(zu) empfehlen, die notwendig sind, um den freien Austausch
von Ideen durch Wort und Bild zu erleichtern - dies Ziel steht
schon in ihrer Verfassung.
Die Generalkonferenz 1995 rückte die Perspektiven und Folgen
der sogenannten Informationsgesellschaft endgültig nach vorn:
Die Machtkonglomerate, die Kommerzialisierung, die Bedrohung kultureller
und sprachlicher Vielfalt, die wachsende Kluft zwischen den Industrie-
und den Entwicklungsländern - aber eben auch die enormen Chancen
und Perspektiven, die potentiell in der Anwendung der neuen
Technologien stecken. Sie beobachtet, wie Strukturen des Nordens
sich partiell im Süden etablieren, während sich Strukturen
des Südens in Form neuer Armut im Norden ausbreiten. Information
rich und Information poor gibt es auf beiden Halbkugeln. Die Frage,
wie Zugang zur Information, wie ein Universal Service, wie der Schutz
von privacy und wie eine menschliche Nationale Informations-Infrastruktur
aussehen könnte, sind längst keine Fragen mehr, die wir
in dieser zwischenstaatlichen Organisation für die sogenannte
Dritte Welt zu beantworten hätten, - es sind Fragen an uns
selbst.
Bei dem Recht auf Kommunikation gehe es um eine neue Balance
zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten,
zwischen dem Kommerziellen und Nichtkommerziellen, dem Geist des
Marktes und dem der Teilhabe, so der GD Federico Mayor. Entwicklung
ensteht nicht aus Technologie und Marktspielen.
Leitlinien und Prinzipien, die eine Chance auf globale Akzeptanz
haben und international tragen, sind nötig - eine Rahmenregelung,
mit der - im Sinne des alten Prinzips des angelsächsischen
Rechts - regulierend die unterschiedlichen gesellschaftlichen Interessen
gegeneinander austariert werden. Ich bin auf Ihre Antworten
neugierig. Herzlichen Dank.
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