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Elektronische Foren - zur Virtualisierung von Öffentlichkeit und Medienwelt: auch eine Herausforderung für die Kulturpolitik

Prof. Dr. Rainer Kuhlen

Informationswissenschaft,
Fakultät für Mathematik und Informatik an der Universität Konstanz

Dresden, April 1999

 
Informationsgesellschaft 1. Zusammenfassung
2. Foren - Marktplätze als öffentliche Ereignisse
3. Zur fortschreitenden Telemediatisierung - mehr als nur eine Marginalie
4. Kommunikationsforen
5. Beispiel: elektronischer Kommunikationsforen: VF-INFOethics der UNESCO
6. Ergebnisse und Perspektiven
  1. Zusammenfassung
  Das ursprünglich aus der Antike stammende Konzept des Forums, Ort des Austauschs von Information zur Erzeugung von Öffentlichkeit, wird auf die elektronischen Kommunikationsforen des Internet übertragen. Die Zuwachsraten der Internetnutzung lassen erkennen, daß hier durchaus Publikumsmärkte, vergleichbar der Massenkommunikation, aber mit Merkmalen interaktiver Individualkommunikation, entstehen. Die Mehrwerteffekte von elektronischen Foren werden herausgearbeitet, allerdings auch mögliche Einwände dagegen bedacht. Die Einsatzmöglichkeiten von Foren werden am Beispiel des von der UNESCO eingerichteten globalen Forums VF-INFOethics (zu Fragen der Informationsethik) erläutert. Abschließend wird auf die absehbaren Konsequenzen für die Medienwelt (Abbau von Monopolen der Medienprofessionellen), für die Erzeugung von Öffentlichkeit und öffentlicher Meinung über ein quasi-evolutionistisches Modell und für die Herausbildung neuer Formen direkter Demokratie hingewiesen.
  2. Foren – Marktplätze als öffentliche Ereignisse
 

Was ein Forum ist, weiß - zumindest im westlichen Kulturkreis - ein jeder. Der Bezug zum alten Rom stellt sich sofort ein. Das Forum, der viereckige Platz oder der Marktplatz allgemein, war der Ort, wo die allgemeinen öffentlichen „Geschäfte", politischer und ökonomischer Art, ausgehandelt und abgewickelt wurden. Natürlich wurden auf dem klassischen Forum auch private, persönliche Meinungen, aber in einer öffentlichen Umgebung, ausgetauscht.Daher ist „Forum", in der Entsprechung zur griechischen Agora, in der allgemeinsten Bedeutung der Raum, der Ort, der Treffpunkt, auf dem öffentliche Diskussionen geführt und Ideen zur Bildung von Öffentlichkeit ausgetauscht wurden.

Daß Foren oftmals zu realen Marktplätzen wurden, z.B. zu Rinderforen, auf denen auch materielle Güter in kommerzieller Absicht gehandelt wurden, hat ebenfalls Auswirkungen bis heute, bis ins Internet, wo sich die Marktplätze des elektronischen Handels (E-Commerce) durchaus auch als Foren verstehen. Diese Ambivalenz im Forumsbegriffs, hier Handel, dort Austausch von Information zur Erzeugung von Öffentlichkeit, soll hier auch nicht aufgelöst werden; wir wollen uns jedoch in erster Linie mit der Funktion von Foren für Öffentlichkeit befassen.

Natürlich galt schon in der Antike das Prinzip der Öffentlichkeit nur im Prinzip. Faktisch war und ist auch heute die Teilnahme an Foren durch mannigfache Möglichkeiten eingegrenzt, ganz einfach z.B. beschränkt durch die Möglichkeit, sich faktisch zu diesem Ort zu bewegen und dort präsent zu ein. Gravierende Beschränkungen für den Forumszugang wären solche nach Rechten (nur der freie Bürger), Privilegien oder anderen oft beliebigen Festlegungen nach Gruppeninteressen, Expertise oder auch finanziellen Möglichkeiten.

Springen wir nun endgültig in die Gegenwart. Auch für die Foren in der Internet-Umgebung ist Öffentlichkeit im Prinzip gegeben. Andererseits kann und wird der Zugang aber mannigfach begrenzt, z.B. einfach genug dadurch, daß man für den Zutritt einen Rechnern und den Internet-Zugang braucht, oder, weitergehend, auf ein vom Betreiber des Forums ausgestelltes Paßwort angewiesen ist. Die Öffentlichkeit elektronischer Foren wird weiterhin oft dadurch eingeschränkt, daß im Internet zwar im allgemeinen das Recht auf die öffentliche Einsicht (das Recht zu lesen) gegeben wird, das erweiterte Recht auf aktives Schreiben aber durchaus kontingentiert wird - Maßnahmen, die sinnvoll sein können, wenn z.B. eine Kontrolle darüber nötig ist, daß bestimmte Aktionen, wie Abstimmungen, nicht unberechtigt mehrfach durchgeführt werden.

Halten wir also trotz dieser Restriktionsmöglichkeit als erstes allgemeines Merkmal fest, daß ein Forum – unter Vernachlässigung der ökonomischen Bedeutung als „Marktplatz" - ein öffentlicher Treffpunkt ist, der dem allgemeinen Austausch von Informationen dient. Die Möglichkeit der aktiven Beteiligung, als Anbieter oder als Nutzer, sollte gegeben sein. Beteiligung heißt aus Nutzersicht, neue Themen in Foren zur Diskussion zu stellen, bzw. eigene Stellungnahmen oder Kommentare zu Stellungnahmen anderer im Rahmen einer Themendiskussion einzubringen.

Aus informationswissenschaftlicher Sicht hat der Begriff des Forums natürlich noch dadurch eine besondere Attraktion, daß in „Forum" die Stammform „form" unverkennbar ist, die die Basis auch für „Information" ist. Information wurde im alten Rom, z.B. von Cicero, verstanden als die Fähigkeit, sich in „Form" zu setzen, gebildet zu sein, d.h. in der Lage zu sein, informationell abgesichert seine privaten und öffentlichen Geschäfte betreiben zu können. Das soll auch ein Beitrag gegenwärtiger Foren sein, nämlich die Bürger und Bürgerinnen in der Informationsgesellschaft auf informationeller Grundlage an der Ausgestaltung von Öffentlichkeit sich beteiligen zu lassen und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre privaten und öffentlichen Geschäfte informationell abgesichert betreiben zu können.

  3. Zur fortschreitenden Telemediatisierung – mehr als nur eine Marginalie

 

Was gehen Foren die allgemeine Kulturpolitik an? Wo doch in seriösen Kreisen die Diskussionsgruppen im Internet, die zahllosen Newsgroups, Bulletin Boards, Chat Boards, MUDs und MOOs oder wie immer diese „Foren" auftreten mögen, eher als kulturlose, zumindest niveaulose Quasselbuden für gelangweilte Teenager, Neurotiker oder Besserwisser eingeschätzt werden. Ein Argument gegen elektronische Dienste im Internet verliert zumindest rapide an Gewicht. Sie sind kaum länger als peripheres Ereignis zu vernachlässigen. Die Teilnahme am Internet wird zum Massenereignis. In den USA sind 70,5 Millionen erwachsene Personen online. Das sind ca. 35% der (erwachsenen) Bevölkerung. Das ist noch kein Spitzenplatz; die skandinavischen Länder sind hier ganz weit vorne. Die höchste Durchdringungsrate hat wohl Island mit ca. 70%.
In Deutschland sind es erst 6,9 Millionen Personen, die das Internet aktiv nutzen, dazu kommen noch 4,8 Millionen, die an sich Zugang haben, diesen aber bislang nicht wahrnehmen. Vor allem die Anstiegsraten lassen es aber auch hier als gesichert erscheinen, daß der Zugriff zum Netz von allen und für alle nur eine Frage der Zeit ist. So wurde z.B. die Zahl von 6,9 Millionen Nutzern in Deutschland innerhalb von 6 Monaten - ausgehend von einem Stand von 4,9 Millionen - erreicht. Nicht viel anders ist es in anderen Staaten. Die wohl nicht unrealistischen Prognosen gehen dahin, daß noch im ersten Jahrzehnt des kommenden Jahrtausends so gut wie alle Personen in fortgeschrittenen Informationsgesellschaften (wozu die meisten Staaten in Europa sich werden rechnen können) Zugang zum Internet haben werden - in welcher Form auch immer sich dieses dann darstellen wird. Das muß nicht zwangsläufig über den heutigen PC geschehen, der internet-fähige Fernseher wird vermutlich ebenso zum Rechner wie der PC zum Fernseher, und damit werden beide zum Universalmedium.

In Europa sind die Frauen bei der Internet-Nutzung nach immer stark unterrepräsentiert; erst 17,2% der Internet-Benutzer sind Frauen (gegenüber 15,5% ein halbes Jahr davor. 3,5% haben (bislang) keinen Schulabschluß, 8,6% Hauptschulabschluß; 23,8% Mittlere Reife und 64% Abitur. Also nach wie vor sind es die qualifiziert Gebildeten, die das Internet bevorzugt nutzen. Das Image des Studenten-Mediums schwindet: 44,6% sind Angestellte, 16,1% Selbständige, 15,9% Studenten, 1,6% Doktoranden, 9,9% Schüler/Auszubildende, 4,3% Beamte und 7,6% Sonstige. Von den Diensten des Internet wird E-Mail am intensivsten genutzt (97,2%). Aber schon 95,2% aller Internet-Nutzer verwenden das World Wide Web. Und das dann ja auch weitgehend die kommerzielle Basis für den Internet-Erfolg: Kommunikation über E-Mail und Möglichkeiten der Präsentation von Waren jeder Art und Möglichkeiten von Transaktionen, d.i. der Abwicklung von realen Geschäftsbeziehung. Daß noch 78,4% der Teilnehmer das Internet für den Abruf von Dateien (über FTP) benutzen, ist sicherlich noch Erbe der ursprünglich exklusiven Wissenschaftskommunikation. Erst (oder schon?) 24,3% nutzen das Internet zum Telefonieren, gar erst 13,3% für Video-Konferenzen. Alle diese Zahlungen sagen natürlich nichts über die Häufigkeit der Nutzung des jeweiligen Dienstes aus. Einmal das Internet zum Telefonieren genutzt, aber vielleicht tausend Mal E-Mails verschickt.

Die Internet-Öffentlichkeit ist nicht länger Angelegenheit der wenigen Spezialisten, das ist ja angesichts der Zuwachsraten der letzten Jahre jedem klar. Die Öffnung zu den allgemeinen Publikumsmärkten bedeutet aber nicht nur eine Erweiterung des privaten Handlungsspielraums, z.B. durch den weithin akzeptierten Einsatz von E-Mail, der aus Nationen von Briefmuffeln aktive Schreiber von elektronischen Briefen machte. Und die Öffnung zu den allgemeinen Publikumsmärkten ist nicht nur eine kommerzielle Angelegenheit der Malls, Marktplätze, elektronischen Auktionshäuser, des Online-Banking, auch nicht nur eine Sache der Online-Spiele der Unterhaltungsindustrie oder der Netzbürger mit ihrem Basisbedarf nach Austausch von Information und der Erzeugung von Gegenöffentlichkeit.

Das gesamte öffentliche Leben beginnt sich in den Diensten des Internet abzubilden. Kaum eine Ausbildungsinstitution, in der USA angefangen von den Kindergärten, bis hin zu den Universitäten, die nicht das neue Medium als Foren der Präsentation, der Transaktion und der Kommunikation verwenden; keine Verwaltungseinheit vom kommunalen Bereich bis zur UNESCO und UNO; keine Freizeit-, Sport- oder Sozialaktivität; keine Kultureinrichtung, keine Bibliothek, kein Museum, keine Galerie, kein Auktionshaus, kein Theater, keine Oper und kein Kino, kein Medienunternehmen, sei es Presse, Rundfunk, Fernsehen oder neuer elektronischer interaktiver individualisierter Mediendienste, die nicht faktisch, den Plänen oder zumindest der Möglichkeit nach auf den Marktplätzen und Foren der elektronischen Netzwelten vertreten sind. Sie alle zusammen konstituieren allgemein die neue Form von Öffentlichkeit; speziell wird sie durch die besondere Ausprägung von Foren, nämlich durch die Kommunikationsforen, gebildet. Das soll das zentrale Thema unserer Darstellung sein.

  4.Kommunikationsforen
 

Foren insgesamt haben einen gleichermaßen informativen, kommunikativen, aber auch Transaktionen erlaubenden und spielerischen, unterhaltenden Charakter, besser noch: sie haben gleichermaßen informative, kommunikative, transaktionale und unterhaltende Funktionen. Sehen wir die vier wesentlichen Funktionen zusammen, ergänzt um den Interaktions- und Öffentlichkeitsaspekt, so bieten wir die folgende Definition für (elektronische) Foren in unserem Zusammenhang an:

Foren sind interaktive, Information präsentierende, Kommunikation und Transaktion ermöglichende, unterhaltende und auf eine unbestimmt „offene Öffentlichkeit" oder auf speziell definierte Zielgruppen ausgerichtete Software-Systeme auf elektronischen Märkten jeder Ausprägung.

Wir wollen uns, wie gesagt, auf die Kommunikationsforen konzentrieren. Die Bezeichnung „Kommunikationsforum" ist an sich eine Tautologie. Foren ermöglichen Kommunikation, sie organisieren Information. Wenn wir von Kommunikationsforen sprechen, dann sind solche gemeint, die neben Informations-/Präsentationskomponenten eben auch Möglichkeiten zum „symmetrischen" Informationsaustausch anbieten und bei denen die Beiträge der Nutzer irgendeine Spur auf den Systemen (Web sites) der Anbieter hinterlassen.

Elektronische Kommunikation – darin den meisten medialen Leistungen vergleichbar – ersetzt nicht die klassischen Formen der Face-to-face-Kommunikation oder andere traditionelle Formen des Austauschs (z.B. Publikationen, Konferenzen), substituiert sie aber partiell und erlaubt neue Formen des Austauschs, die bislang nicht möglich waren. Wir machen die folgenden Mehrwerteffekte von elektronischen Foren aus:

  • ·Elektronische Kommunikationsforen gestatten den Austausch von Information zwischen Leuten, die im „realen" Leben kaum eine Chance haben, sich zu treffen. Elektronische Kommunikationsformen erleichtern insbesondere den Kontakt zu Angehörigen anderer Kulturen und können somit einen wichtigen Beitrag zur Bildung von Toleranz und multikultureller Bewußtheit leisten.
  • ·Elektronische Kommunikationsforen erlauben in ihrer überwiegend asynchronen Kommunikationsform zwar auch mehr oder weniger spontane direkte Reaktionen, gestatten aber gegenüber dem Chat, wo „live" kommuniziert wird, die Verzögerung eines Antwort über eine Phase der Informationssammlung oder einfach des Nachdenkens. ·Elektronische Kommunikationsforen bieten in vielen Bereichen eine vergleichsweise kostengünstige Substitution herkömmlicher Kommunikationsformen, vorausgesetzt die technische Infrastruktur ist schon einmal vorhanden.
  • ·Elektronische Kommunikationsforen erlauben eine flexible Anpassung an unterschiedliche Benutzererwartungen und –sichten und können flexibel nach unterschiedlichen Benutzergruppen mit verschiedenen Rechten des Ansehens/Lesens und Schreibens organisiert werden. ·Elektronische Kommunikationsforen gestatten eine Form der Konsensbildung zwischen Gruppen, die sich nach systematischen oder topologischen (regional/global) Kriterien definieren.
  • ·Im Forum zählt nur, was gesagt wird, nicht die Vorabeinstellung der Reputation. Anonymität muß in Foren nicht vermieden werden, sondern kann ganz neue Effekte bewirken (allerdings wohl auch negative, wie unkontrollierte und nicht identifizierbare Aggressionen).
  • ·Elektronische Kommunikation baut Hierarchien ab. Elektronische Kommunikationsforen sind auf Interaktion angelegt. Jede Aussage wird in Frage gestellt, ist Gegenstand möglicher Kommentare, Erweiterungen, Korrekturen und Modifikationen. ·Elektronische Kommunikationsforen, die nach Hypertextprinzipien organisiert sind, können sich durch Wissensplattformen informationell absichern. Diese entstehen z.B. durch Verknüpfungen mit forumsexternen Ressourcen. Die Subjektivität von Meinungen kann zum einen durch diese Absicherungsmöglichkeit, vor allem aber durch die unmittelbare Korrektur der Reaktionen in einen weiteren Kontext gestellt werden.
  • ·Elektronische Kommunikationsforen, vor allem wenn sie datenbankgestützt betrieben werden, erlauben leicht die Ableitung benutzerspezifischer Sichten auf gewünschte Diskussionsstränge und können auch leicht bezüglich der Zugriffs-, Lese- und Schreibrechte gesteuert werden.

Euphorie ist trotz aller Mehrwerteffekte sicherlich nicht angebracht. Die folgenden Argumente werden gegen elektronische Foren angegeben:

  • ·Foren erzeugen Partikularöffentlichkeiten. Die Teilnahme wird nach oft nicht nachvollziehbaren Kriterien begrenzt oder gestaltet sich ebenso nicht leicht nachvollziehbar willkürlich.
  • ·Foren begünstigen die in der hypertextbestimmten Netzwelt ohnehin bestehende Tendenz zu atomisierten Beiträgen, die ohne argumentative oder diskursive Stringenz auf leicht nachvollziehbare pointierte Aussagen abzielen. Der Kontext von Aussagen geht so leicht verloren, die Verständlichkeit ist somit eingeschränkt.
  • ·Kommunikation in Foren läßt durch die oftmals zugelassene oder sogar erwünschte Anonymität nicht zurechenbare Beiträge entstehen, die bestenfalls als spielerisch leicht empfunden werden, realistischer aber eher zu bewußten Verzerrungen führen.
  • ·Sprache droht durch die intensive Verwendung von Ellipsen, insider-abhängigen Stereotypen und eingeschliffenen Jargon ein massiver Niveauverlust.
  • ·Foren begünstigen neue Formen von Massenhysterie und Demagogie durch Mißbrauch direkter Formen von Demokratie wie z.B. unkontrollierbare Abstimmungen bzw. Meinungsbilder.

Entsprechend der erkannten Bedeutung von Kommunikation und der universal sich durchsetzenden Verwendung der Web-Technologie entstehen auf vielen Web-Sites elektronische Kommunikationsforen als selbständige und als in andere Angebote integrierte Anwendungen. Foren etablieren sich also als selbständige Dienstleistung neben den bisherigen Kommunikationsdiensten wie E-Mail, Bulletin Boards/ListServer, Chats, MUDs oder auch Tele-/Video-Conferencing.

Foren können wie die Chats und MUDs auch synchron organisiert sein bzw. können synchrone Teile enthalten, zeichnen sich aber in der Regel durch asynchrone Kommunikation aus, d.h. erlauben zwar auch eine unmittelbare, fast Echtzeit-Reaktion, gestatten aber – was im globalen Maßstab unabdingbar und zur Erhöhung der Qualität der Beiträge wichtig ist – auch eine verzögerte, informationell abgesicherte (und nachgedachte) Reaktion, deren Resultate anders als bei einer verbal geführten Diskussion für längere Zeit bereitgehalten werden können. Gerade der asynchrone Charakter erlaubt auch Leistungen über den aktuellen Dialog hinaus: Foren werden zu allgemeinen Wissensplattformen durch Verknüpfungen (Links) zu anderen Ressourcen, die in thematischem Bezug zum Thema stehen. Diese können im Forum separat aufgebaute Link-Sammlungen sein; die Links können aber auch, unter Wahrung des aktuellen Kontextes, direkt in der Zuordnung zu den einzelnen Seiten untergebracht sein, so daß eine höchst komplexe Vernetzung gemäß dem Hypertextprinzip entstehen kann, die der angedeuteten Gefahr der Atomisierung von Aussagen entgegensteuern kann. Nützlich ist ebenso der durch Links ermöglichte Wechsel zu anderen thematisch verwandten Foren. Damit kann die partikulare Beschränkung einzelner Foren aufgehoben werden.

Kommunikation baut sich in Foren dann auf, wenn die eingegebene Information zum Widerspruch, zu Ergänzungen, allgemein zu Kommentaren reizt. Ein Forum ist keine Ansammlung von isolierten Beiträgen, sondern lebt davon, daß viele Sichten auf ein Thema eingebracht werden, die eine anfängliche Aussagen oft genug radikal modifizieren. Der Anreiz zum Widerspruch ist sozusagen das kreative, aber zugleich auch das negative Erbe der ursprünglichen Chat Boards und Newsgroups, bei denen Mitteilungen mit provozierenden, Neugierde weckenden, sensationellen, ungewöhnlichen, witzigen, manchmal auch schlicht unverständlichen Charakter mehr Chancen haben, überhaupt gelesen zu werden als neutral informative Beiträge. Überspitzungen, Angriffe, Beleidigungen, Einseitigkeiten, Lücken in den Beiträgen waren in diesen Umgebungen eher die Regel als objektive, abgewogen neutrale, informationell abgesicherte „Pressemitteilungen". Subjektivität, wenn auch wohl nicht Beliebigkeit, war gefragt. Objektivität, wenn so etwas überhaupt in den „klassischen" Mailing-Diensten angestrebt ist, entsteht durch die Summe der Kommentare und Reaktionen. Niemand war ursprünglich als Moderator da, der eine Objektivität zu erstellen sucht.

Die gegenwärtigen Kommunikationsforen in der WWW-Umgebung haben aus der Beliebigkeit und Trivialität der Diskussion in den Internet-Foren gelernt. Foren sollten daher die folgenden Merkmale aufweisen:

  • Teilnehmer an elektronischen Foren sollten sich trotz möglicher Anonymität referentiell nachweisen, d.h. ihr Interesse und ihren Hintergrund offenlegen.
  • Foren müssen moderiert sein. D.h. es sollten Personen vorhanden sein, die Monitoring-Leistungen erbringen können, wie Stimulation von Beiträgen, Einschätzung der Qualität von Beiträgen ohne Zensurabsicht, Zusammenfassung der laufenden Diskussion, Einbringen von Hintergrundinformation, .... Diese Monitoring-Leistung könnte ein gewichtiger Beitrag des Online-Journalismus sein, wird aber auch zunehmend durch technische Informations-/Kommunikationsassistenten erbracht werden.
  • Der Diskussionsverlauf in Foren muß auf attraktive und intuitiv nachvollziehbare Weise visualisiert werden können, um die Übersicht behalten zu können.
  • Für umfänglicher werdende Foren müssen leistungsstarke Suchwerkzeuge vorhanden sein, die die gewünschten Beiträge gewichtet und benutzerspezifisch nachweisen, also auch speziell interessierende Teilbereiche der Diskussion selektieren können.
  • Die Teilnehmer der Foren sollen durch eine sogenannte Push-Komponente über jeden neu eingegangenen Beitrag, z.B. über E-Mail, informiert werden (diese Benachrichtigung muß aber auch abgeschaltet werden können).
  • Sofern Foren über thematisch zugeordnete virtuelle Bibliotheken verfügen (das sind Link-Sammlungen/Kataloge bzw. andere thematisch einschlägige Foren zu anderen einschlägigen Informationen), sollten die Forumsbeiträge automatisch mit diesen Einträgen verknüpft werden können. Für neue Beiträge sollen die Assistenten auf vorhandene Beiträge und Verknüpfungen zu dem vorgesehenen Thema hinweisen können.
  • Ein Forum sollte neben der eigenen Diskussionsaufgabe zugleich die Funktion eines Metaforums wahrnehmen, das kontinuierlich die Diskussionen in thematisch verwandten Diskussionsforen überwacht und dem aktuellen Forum Hinweise auf relevante Beiträge und Beitragende geben kann.
  • Kommunikationsforen werden in der Regel von Teilnehmern sehr unterschiedlicher Qualifikation besucht. Kommunikationsassistenten sollten in der Lage sein, durch Techniken der Referenzierung und der Qualitätsabschätzung den anderen Teilnehmern Hinweise auf die Validität eines Beitrags zu geben.
  • Kommunikationsassistenten sollen die Diskussion animieren, indem sie auf der Grundlage von Expertenprofilen gezielt solche Teilnehmer zu Beiträgen auffordern, die aufgrund ihrer Kompetenz und ihrer Interessenlage zu einem aktuellen Beitrag etwas zu sagen haben müßten.
  • Für Benutzer, die das Forum nicht regelmäßig verfolgen können, sollen es Zusammenfassungsassistenten geben, die – in der einfachen Form - nach spezifizierter Interessenlage aus dem Diskussionsstand diejenigen Beiträge herausfiltern, die relevant sind, oder die – in einer erweiterten Form – den Stand der Diskussion in einem Dossier selber zusammenfassen können.
  • In internationalen Foren, wie sie auf globalen Informationsmärkten immer mehr die Regel werden, sollen Übersetzungsassistenten vorhanden sein, die unter Ausnutzung kommerzieller und im Netz vorhandener Übersetzungssoftware die Forumsbeiträge in die gewünschten Zielsprachen übersetzen können. Da bislang die Qualität der Übersetzung nicht hohen Standards entsprechen kann, sollten die Assistenten bei Bedarf nach Humanübersetzung auf entsprechende Personen bzw. Institutionen hinweisen können. Da die Qualität der Übersetzung überwiegend von der Qualität der zugrundeliegenden (fachspezifischen) Wörterbücher abhängt, sollten Assistenten zum (interaktiven) Aufbau und zur Pflege solcher Wörterbücher vorhanden sein.
  5. Beispiel: elektronischer Kommunikationsforen: VF-INFOethics der UNESCO

 

In der Konstanzer Informationswissenschaft sind in den letzten Jahren eine Vielzahl an elektronischen Kommunikationsforen entstanden, z.B. für den Einsatz in der Ausbildung, zur politischen Diskussion anläßlich der letzten Bundestagswahl und für die aktuelle Diskussion um eine neue Fachinformationspolitik in Deutschalnd, für die Koordination mit externen Projektpartner, zur Optimierung des Informationsflusses in einem Verlag, aber vor allem zur Diskussion informationsethischer Themen. Darauf wollen wir kurz eingehen.

Im Anschluß an die erste UNESCO-Konferenz über Informationsethik im März 1997 in Monte Carlo wurde beschlossen, mit einem elektronischen Kommunikationsforum zu experimentieren, um der UNESCO Erfahrung im Umgang mit dem neuen Medium zu verschaffen und um durch ein elektronisches Forum eine neue und vielleicht höhere Form von Rationalität in der Diskussion über Informationsethik zu erzielen, als es in den standardisierten Austauschformen traditioneller Konferenzen möglich ist. Daß ein elektronisches Forum allemal billiger ist als eine Konferenz mit Teilnehmern aus aller Welt, ist ebenfalls ein nicht zu vernachlässigender Faktor.

VF-INFOethics wurde als virtuelles Diskussionsforum entworfen, das die Funktion der UNESCO als ein weltweites Ideenlaboratorium unterstützen soll. VF-INFOethics soll nicht nur Stellungnahmen und Kommentare der Teilnehmer enthalten, sondern sich zu einer offenen Wissensplattform zu Themen der Informationsethik entwickeln, weitgehend durch Verknüpfungen mit externen, im Internet verfügbaren einschlägigen Materialien.

Die Diskussion in VF-INFOethics wurde in zwei Runden durchgeführt. Die erste Runde dauerte vom Oktober 1997 bis zum Ende des Jahres. Die zweite Runde begann Ende Februar 1998 und wurde im Juni abgeschlossen. Erwartet wurden für die UNESCO Empfehlungen und das Einbringen der Ergebnisse in die zweite UNESCO-INFOethics-Konferenz im Oktober 1998. Am Forum haben ca. 60 Experten aus aller Welt teilgenommen. Bei der Auswahl der Teilnehmer wurde auf den Bezug zur UNESCO sowie auf Ausgewogenheit hinsichtlich der Nationalität geachtet, um ein Übergewicht einzelner Nationalitäten (wie z.B. Nordamerika oder Europa) zu vermeiden. Nur die eingeladenen Experten hatten Schreibrechte, zum Lesen war das Forum web-öffentlich.

Die Diskussion war nach den folgenden Hauptgebieten strukturiert. Diese wurden als Ergebnisse einer ausgiebigen Pilotphase formuliert, die noch über E-Mail organisiert war.

  • ·The concept of information ethics
  • ·Information rich and information poor
  • ·Information as a public and/or private good
  • ·Trust, ownership, and validity of information in cyberspace
  • ·Privacy, confidentiality, security, hate, violence in the Internet

Zu jedem Themengebiet wurden ausführliche Fragelisten und einschlägige Informationen vorgegeben. Für jedes Thema war ein Moderator verantwortlich, dessen Aufgabe darin bestand, die Diskussion zu stimulieren, Zusammenfassungen zu schreiben und am Ende Empfehlungen für die UNESCO zu formulieren (und natürlich noch einmal zur Diskussion zu stellen). Als ein Beispiel für die Diskussionsergebnisse geben wir hier die im Forum erarbeiteten Empfehlungen zum Thema Information rich/poor wieder:

  • ·"To bring net access to poor countries by putting existing resources to sensible use in order to promote the development of global and local information cultures and economies.
  • ·To support the development of a World Information Ethos.
  • ·To support concrete projects in information poor countries in order to create country-specific information centres.
  • ·Public awareness on these matters through virtual forums, publications, and conferences should be promoted.
  • ·To provide permanent, specific, and detailed knowledge of existing information activities in information poor countries.
  • ·UNESCO should promote the rights of non-English-speaking-countries and their economic interests.
  • ·UNESCO should promote topics in information ethics to be included in curricula at all levels.
  • ·Promotion activities through international organizations should be based on grassroots efforts as well as on a decentralized and well coordinated basis."

Ingesamt wurde klar herausgearbeitet, daß es für Informationsethik im globalen Maßstab kaum allgemeingültige Vorgaben und für alle Kulturkreise verbindliche Normen geben kann. Die globalen Netzwerke und elektronischen Dienste sind der Ort, in dem sich Informationsethik artikuliert und wo sich die Konsense bilden können. Die Teilnehmer waren besonders vorsichtig, westliche ethische Vorstellungen auf die globale Informationsgesellschaft zu übertragen und waren daher besorgt, inwieweit die Konvergenzeffekte im Internet eine unerwünschte Nivellierung von Kulturen und Wertvorstellungen bewirken werden. Ergebnis der Diskussion wird kaum die eine Informationsethik sein, sondern die Entwicklung eines Ethos, durch das die Öffentlichkeit, die Wirtschaft und die politischen Instanzen für die Bedeutung eines ethischen Umgangs mit Information sensibel gemacht werden können.

Von allen Spezialfragen stand in der Diskussion die Frage der Informationsgleichheit bzw. –ungleichkeit, des Information gap bzw. das Problem einer informationell balancierten Gesellschaft im Vordergrund. Eine informationell balancierte Gesellschaft ist eine solche, wo auf dem individuellem, sozialen, nationalen, regionalen und globalen Maßstab Informationsdifferenzen (Information gaps) im Prinzip beseitigt werden können. Daß dies kein technologisches Problem ist, leuchtet ein, es ist ein politisches, rechtliches, soziales und – unter Einbeziehung all dieser Ebenen - auch ein ethisches

. Wie meistens bei kommunikationsintensiven und komplexen Angelegenheiten hat VF-INFOethics mehr Fragen provoziert als Antworten geben können. Die einzige definitive Antwort bislang ist, daß, nicht nur im Kontext der UNESCO, im Zuge der Globalisierung der Informationsgesellschaft die Diskussion über Informationsethik ein wichtiges Element darstellt und noch bei weiten nicht abgeschlossen ist. Diese Diskussion muß nicht zwangsläufig über elektronische Foren geführt werden, aber diese erweisen sich doch, nach den ersten Erfahrungen, als ein vermutlich dauerhaftes und unverzichtbares Instrument der Konsensbildung bei heterogenen, im Prinzip globalen Interessengruppen und ihren Mitgliedern.

  6. Ergebnisse und Perspektiven
 

Der Vorwurf an elektronische Dienstleistungen, insbesondere an elektronische Kommunikationsforen, besagt, daß sie nur Partikularöffentlichkeiten erzeugten, im Gegensatz zur politischen Öffentlichkeit, wie sie allgemein im herkömmlichen Zusammenspiel von Medien- und Politikprofessionellen, zusammen mit anderen Organisationen und Grup­pierungen, erstellt wird. Dies wird als grundsätzliches Argument formuliert und wird nicht mit der zur Zeit noch begrenzten, wenn auch nicht mehr trivial kleinen Internet-Zugriffsrate begründet.

Wir halten das grundsätzliche Argument nicht für gerechtfertigt, zum einen weil auch die bisherige Medienöffentlichkeit durch sehr partikulare Selektionsmechanismen entsteht, zum andern, weil die in den elektronischen Kommunikationsforen angelegten basisdemokratischen Elemente neue Formen der Öffentlichkeit entstehen lassen können, die sich von den jetzigen Meinungsbildungsmonopolen der Medien- und Politikprofessionellen „befreien“ können. Jede noch so triviale Meinung, in den „Himmel des Internet“ geschrieben, hat die Chance, zu einem Baustein der aktuellen öffentlichen Agenda zu werden. Wird sie aufgegriffen, wird sie verstärkt und wieder und wieder verstärkt, modifiziert, angereichert oder auch vereinfacht, bis sie öffentliches Allgemeingut wird. Wird sie nicht aufgegriffen, wird sie vergessen. Wir schlagen hier ein quasi evolutionistisches Modell der Bildung öffentlichen Meinung durch Verstärkung im elektronischen Medium vor. Die von anderen aufgegriffene Aussage kann überleben und öffentlich werden, wird sie es nicht, bleibt sie privat.

Kontakt:
Info@nethics.net
 
letzte Änderung am 25.03.1999