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Rainer Kuhlen
Fachinformation und Fachkommunikation
in der Informationsgesellschaft
Grundzüge einer neuen
Fachinformationspolitik in der Bundesrepublik Deutschland
Zusammenfassung:
Um die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft, die Leistungsfähigkeit
von Wissenschaft und Politik/Verwaltung zu erhalten sowie zur dauerhaften
Bildung einer aufgeklärten Öffentlichkeit im demokratischen
Gemeinwesen, ist es dringend erforderlich, die seit Mitte der 90er
Jahre festzustellende Stagnation in der Fachinformationspolitik
in Deutschland zu durchbrechen (Abschnitt 1, insbesondere 1.4 mit
Aufweis der Defizite). Dazu müssen sehr sorgfältig die
in Abschnitt 1.3 angeführten Rahmenbedingungen der Transformation
des Fachinformationsgebietes analysiert und aus ihnen Konsequenzen
gezogen werden. Oberstes Ziel einer verantwortlichen Fachinformationspolitik
muß es sein, die Mitglieder und Institutionen der Gesellschaft
in die Lage zu versetzen, informationell autonom zu agieren
(Abschnitt 1.5), d.h. sich den Zugriff auf die relevanten Informationsquellen
zu zumutbaren fairen Bedingungen sichern und die Informationsprodukte
bewerten und nutzen zu können (Abschnitt 1.2). Aus diesem obersten
Ziel, das mit den Interessen der Informationswirtschaft kompatibel
zu machen, die besondere Herausforderung an die Fachinformationspolitik
darstellt, leiten sich die in Abschnitt 2 diskutierten Eckwerte
einer neuen Fachinformationspolitik ab. Diese werden näher
ausgeführt mit Blick auf Fachinformation und Wissenschaft (2.2),
Formen der Direktpublikation (2.3), Fachinformation und Wirtschaft
(2.4), Informationswirtschaft (2.5), Politik und Verwaltung (2.6),
Fachinformation und (mediale) Öffentlichkeit (2.7), Kulturauftrag
(2.8), Informations- und Medienkompetenz (2.9), Infrastruktur der
Fachinformation (2.10), Politische Steuerung und Zuständigkeit
für Fachinformation (2.11).
Eine neue Fachinformationspolitik
Warum
eine neue Fachinformationspolitik? Zeichnet sich doch die Bundesrepublik
Deutschland seit 1974 - das ist der Beginn der Laufzeit des ersten
Förderprogramms, des sogenannten IuD-Programms - durch eine
bemerkenswerte Kontinuität bei der Förderung und Koordination
des Fachinformationsgebietes aus. Bezüglich der Inhalte und
Ziele hat es weniger Kontinuität gegeben. Wie könnte es
auch anders sein? Auch die Informationspolitik im allgemeinen und
als Teil davon die Fachinformationspolitik müssen wie jede
Politik zu einem materialen Politikbereich auf den jeweiligen Politik-/Zeitgeist
reagieren, in der Hoffnung, diesen zuweilen auch mitgestalten zu
können. Entsprechend muß jede Zeit das Ausmaß,
die Instrumente und vor allem die Zielsetzung des staatlichen Engagements
neu bestimmen.
Daß
überhaupt von seiten der staatlichen oder überstaatlichen
Organe in den Markt in irgendeiner Form eingegriffen werden muß,
ist angesichts der Bedeutung der Fachinformation und ihrer Dienstleistungen
auf den Informationsmärkten für die Gesamtwirtschaft und
Gesamtgesellschaft unbestritten (Tauss/Kollbeck/Mönikes 1996).
Ausprägungen von Informationspolitik
Informationspolitik
in ihren verschiedenen Ausprägungen
steht in der Spannung zwischen folgenden grundsätzlichen Positionen:
-
Setzen auf ein starkes
staatliches Engagement mit entschiedenen formalen und inhaltlichen
Vorgaben im Sinne einer Regulierungspolitik. Ein solcher Ansatz
wird höchstens noch in autokratisch regierten Ländern
wie Irak oder Iran bzw. in der Volksrepublik China verfolgt.
In Europa wäre am ehesten noch Frankreich mit seiner starken
etatistischen Tradition hierzuzurechnen.
-
Liberalistisches Setzen
auf die Marktmechanismen im Sinne einer Deregulierungspolitik.
Dies ist die dominierende Informationspolitik in den letzten
zwanzig Jahren gewesen, vor allem unter dem Einfluß der
angelsächsischen Staaten und hier vor allem mit Blick auf
die Telekommunikationspolitik, die zu weitgehend liberalisierten,
deregulierten und tendenziell auch privatisierten Märkten
geführt hat.
-
Setzen auf das im Diskurs
sich regulierende Zusammenspiel der verschiedenen im Bereich
der (Fachinformations)Politik beteiligten Akteure. Dieser Diskurs
kann sich als gesellschaftlicher Prozeß selber organisieren
oder wird vom Staat durch seine Selektion bei der Bestimmung
der heranzuziehenden Partner beeinflußt.
Nach
Jahren der neo-liberalen Wirtschaftspolitik, in denen der Staat
weitgehend auf das freie Spiel der Marktkräfte setzte, durch
die dann ja auch die gegenwärtigen leistungsstarken Informationsmärkte
entstehen konnten, ist auch heute keineswegs ein erneuter Keynesianismus
(entsprechend Position 1) die attraktive Lösung. Es kann wohl
kaum ein Zweifel daran bestehen, daß in dem gegenwärtigen
Verständnis von Moderne die dritte Position in Gesellschaften
wie der Bundesrepublik als die realistische, zumindest als die anzustrebende,
anzusehen ist, ob man sie nun korporatistisch, neo-korporatistisch,
institutionalistisch, diskurstheoretisch oder heute modernistisch
begründet.
Die
in der Bundesrepublik vorhandenen, sehr ausdifferenzierten Interessengruppen
im Umfeld der Fachinformation sollten nicht und können wohl
auch nicht von der realen Ausgestaltung der Politik ausgegrenzt
werden. Daß zur Ausgestaltung des Diskurses dem Staat eine
zentrale steuernde Rolle zukommen kann und vielleicht auch zukommen
sollte wie gegenwärtig z.B. bei den Aktivitäten
zum "Bündnis für Arbeit -, ist gerade im Fachinformationsgebiet
einleuchtend. Besteht doch auch in der Bundesrepublik eine lange
Tradition der (staatlichen) Fürsorge für alles, was mit
der Produktion, Aufbewahrung und Verteilung von Wissen und Information
zusammenhängt. Nach wie vor dominiert in Deutschland das mit
staatlichen Mitteln finanzierte System der Wissenschaft
bzw. das staatlich organisierte Bildungssystem bis zu den Universitäten,
und auch die Kosten für den Betrieb der Bibliotheken und Archive
werden weiterhin überwiegend als unverzichtbare Investitionen
in die Wissensproduktion der Zukunft oder einfach als unverzichtbarer
Beitrag für öffentliche Bildung und demokratische Aufklärung
gesehen.
Man
sollte nicht vergessen, daß die Wurzeln des Fachinformationsgebietes
aus diesem Anspruch stammen, nämlich die Wissensproduktion
zu sichern und dabei den Zugriff zu den Speichern des schon produzierten
Wissens für alle daran interessierten Gruppen und Personen
offenzuhalten. Dies ist das oberste Ziel der Fachinformation. Diesem
Ziel muß das Sekundärziel, eine leistungsfähige
und gut verdienende und international wettbewerbsfähige Informationswirtschaft
auf globalen Märkten aufzubauen, untergeordnet sein. Es kann
nicht sein, daß die Informationswirtschaft zu einer florierenden
Branche der Volkswirtschaft wird, aber der freizügige Zugriff
zur Information, z.B. im Wissenschaftsbereich, eingeschränkt
wird. Die bösen Erfahrungen mit der Privatisierung der chemischen
Basisdatenbanken Gmelin und Beilstein, die dem neoliberalen Ansatz
in der Fachinformationspolitik der letzten Jahre zum "Opfer
gefallen sind, zeigen deutlich, daß Interesse der Wirtschaft
und der Wissenschaft durchaus divergieren können. Wenn dem
so ist, müssten die Präferenzen eigentlich eindeutig zugunsten
des gesamtgesellschaftlichen Interesses am freien Zugriff zur Information
gewichtet werden. Die Erwartung einer guten Fachinformationspolitik
besteht allerdings darin, daß sich beide Ziele - freier Zugriff
und leistungsfähige Wirtschaft - nicht ausschließen mögen.
Wir
können an dieser Stelle nicht die gesamte Entwicklung der deutschen
Fachinformationspolitik noch einmal rekapitulieren (vgl. dazu Kuhlen
1987 und 1995, 207ff), müssen aber wohl zusammenfassend feststellen,
daß es in der Bundesrepublik in den letzten zwanzig Jahren
nicht gelungen ist, eine integrierte Informationspolitik zu formulieren.
Mag die Fachinformationspolitik auch (begrenzt) erfolgreich gewesen
sein - zumindest wenn man als Maßstab einen weitgehend eingerichteten,
funktionsfähigen und auch im internationalen Maßstab
nicht unerheblichen Fachinformationsmarkt annimmt -, so ist dies
doch nur um den Preis einer fortschreitenden Marginalisierung und
Ausgrenzung wichtiger Bereiche des Informationsgeschehens insgesamt
geschehen (Kuhlen 1986). Die Notwendigkeit einer umfassenden Informationspolitik
steht nicht im Widerspruch zu der früheren Kritik des Bundesrechnungshofs,
die Förderprogramme für Information und Dokumentation
seien anfangs zu flächendeckend gewesen (Bundesrechnungshof
1983). Die Kunst der Politik besteht gerade darin, die Gesamttendenzen
der sich entwickelnden Informationsgesellschaft und der verschiedenen
Bereiche der Informationswirtschaft zu erkennen, Zusammenhänge
herzustellen und sich dann doch auf einzelne Gebiete und Schwerpunktsetzungen
zu konzentrieren. Ohne diesen Gesamtbezug wird Politik zu tagespolitischer
Hantierung, das sind Handlungen ohne Zweckausrichtung.
Fachinformation zur Absicherung
professionellen und öffentlichen Handelns
Es
ist zum Allgemeingut geworden, daß der Erfolg der Gesellschaft
insgesamt und ihrer Teilbereiche davon abhängt, wie leistungsfähig
die Prozesse der Produktion, Aufbereitung, Verteilung und Nutzung
von Wissen und Information organisiert werden können. Information
beruht auf vorhandenem Wissen, aus Information kann neues Wissen
erzeugt werden.
Fachinformation
ist der Gegenstandsbereich im allgemeinen Gebiet von Information
und Kommunikation, der sich damit beschäftigt, daß Fachwissen,
das zur Absicherung professionellen und öffentlichen Handelns
dient, in einer dem technischen, methodischen und organisatorischen
Stand des Wissens entsprechenden Form aufbereitet, angeboten und
genutzt werden kann. Es macht keinen Sinn, den Begriff der Fachinformation
weitergehend zu definieren, z.B. als wissenschaftlich-technische
Information. Fachinformation ist ein funktionaler Begriff. Was in
dem einen Kontext Fachinformation ist, ist in einem anderen Kontext
z.B. Unterhaltungsinformation.
Durch
die Eingrenzung auf Information zur Absicherung professionellen
und öffentlichen Handelns soll zumindest versucht werden, die
Bereiche Unterhaltung, Freizeit, Alltagskommunikation aus dem Aufgabenspektrum
von Fachinformationspolitik auszugrenzen. Daß dies nicht immer
möglich ist, zeigt z.B. der Bereich der Medieninformation.
Den Medien insgesamt kommt sicherlich ein gewichtiger, wenn nicht
sogar ein zentraler Anteil an der Bildung öffentlicher Meinung
in allen Gesellschaftsbereichen zu, so auch von Wissenschaft, Technik,
Wirtschaft und Politik. Im Sinne des funktionalen Definitionsvorschlags
ist das auch Fachinformation, dient es doch der Absicherung öffentlichen
Handelns und der aufgeklärten Teilhabe an demokratischen Meinungsbildungsprozessen
(Kuhlen 1998).
Insgesamt
ist die Versorgung mit Fachinformation Bestandteil des intellektuellen
Kapitals der Gesellschaft. Auf der anderen Seite kann diese Struktur
nicht unverändert bleiben. Wir wollen daher im folgenden auf
die sich abzeichnenden Transformationen des Fachinformationsgebietes
eingehen. Daher darf auf keinen Fall die bisherige leistungsfähige
Fachinformationsstruktur im Geflecht von Datenbasisproduzenten,
Fachinformationseinrichtungen, Dokumentationen, Vermittlungsstellen,
Datenbankanbietern und elektronischen Marktplätzen, u.a.
durch unangemessene Anforderungen und auf kurzfristige Erfolge angelegte
Privatisierungen oder gar Auflösungen gefährdet werden.
Kontinuität bei Fachinformationsleistungen ist ein hoher Wert.
Einmal eingetretene Diskontinuitäten können in der Regel
kaum wieder repariert werden. Daher muß es sich die Gesellschaft
zur Wahrung des Generationsauftrages der Bestandssicherung von Wissen
auch leisten können, eine Weile bisherige und neue Strukturen
parallel zu finanzieren.
Rahmenbedingungen der
Transformation des Gebietes der Fachinformation
Wir
machen die folgenden Rahmenbedingungen und Strukturveränderungen
aus, die auf die Informationsmärkte allgemein und das Gebiet
der Fachinformation speziell einwirken. Die fortschreitende Telemediatisierung,
d.i. die tendenziell vollständige Durchdringung aller Lebensbereiche
mit Techniken und Leistungen der Informatik, Telekommunikation und
von Hyper-/Multimedia, ist das Gestaltungsprinzip für alle
Bereiche der Informationsgesellschaft. Besonders stark betroffen
sind davon das Gebiet und die Aufgaben der Fachinformation.
Fachinformation
ist von den Strukturveränderungen nicht zuletzt deshalb betroffen,
weil Institutionen, Personen, Produkte und Dienstleistungen der
Fachinformation traditionell den Mittlerformen zuzurechnen sind.
Wenn eine Aussage auf dem Gebiet elektronischer (Informations)Märkte
als gesichert gelten kann, dann die, daß die Mittler durch
die Entwicklung des Internet zu einem allgemeinen Netzwerk nicht
nur der Fachkommunikation, sondern der Publikumsmärkte am stärksten
betroffen sind. Mittler sind z.B. Reisebüros im Touristikgewerbe,
der Buchhandel als Mittler zwischen Endkunden und Verlagen, aber
eben auch alle bisherigen professionellen Informations(vermittlungs)aktivitäten.
Betroffen
in der Mittlerfunktion sind nicht nur die eigentlichen Informationsvermittler,
also die Information Broker auf dem Markt (Schmidt 1992) und im
innerorganisationellen Geschehen, sondern auch die klassischen Informationsproduzenten
und Informationsanbieter, also z.B. die Datenbasisproduzenten und
die Datenbankanbieter; ebenso die Bibliotheken, die Verlage und
die Druckereien, kurz: alle Institutionen und Personen, die sich
mit der Erstellung, der Aufbereitung und dem Angebot von Informationsprodukten
und Informationsdienstleistungen beschäftigen (Pfeiffer 1999).
Betroffen sind mit den Mittlerleistungen auch die Umgebungen der
Produktion von Wissen und die der Nutzung von Wissen, indem bisherige
Vermittlungsleistungen einmal in die Zuständigkeit der Produzenten
selber, z.B. der Wissenschaft, zum andern in die der Nutzer fallen.
Insgesamt
ist nicht zu erwarten, daß Informationsmärkte trotz aller
Endanbieter- und Endnutzertendenzen auf Mittlerleistungen verzichten
können. Sicher aber, daß nichts auf den Informationsmärkten
in den nächsten Jahren so bleiben wird, wie es jetzt ist. Für
die Fachinformationspolitik ergeben sich dadurch hohe Gestaltungspotentiale,
aber auch Gestaltungsanforderungen und Gestaltungsverantwortung.
Eine
neue Fachinformationspolitik, die weiterhin eine Politik der Informationsmittlerleistungen
ist, muß die folgenden Aspekte, die auf die Transformation
der Mittlerfunktionen einwirken, berücksichtigen:
-
Konvergenzeffekte:
Die Zielgruppen für informationelle Mittlerleistungen ändern
sich: aus Märkten der Fachinformation und Fachkommunikation
werden allgemeine Publikumsmärkte mit starken Konvergenzeffekten,
d.h. lange Zeit getrennte Bereiche müssen aus Marktsicht
zusammen gesehen werden. Fachinformation muß sich aus
dem Ghetto von Wissenschaft und Technik befreien und
sich den Märkten öffnen.
-
Informationelle Symmetrie:
Zu der Ausweitung der Gegenstandsbereiche für informationelle
Mittlerleistungen gehört die verstärkte Anforderung
an den öffentlichen Bereich, seine Informationsbestände
im Sinne einer informationellen Symmetrie den Bürgern offenzulegen,
also nicht nur Information für Verwaltungszwecke anzufordern,
sondern auch Information umfassend zurückzugeben. Das Prinzip
der informationellen Symmetrie wird auch in anderen Bereichen
zur Grundlage reziproken Marktverhaltens. Es grenzt fast schon
an einen Skandal, daß Wissenschaft, einschließlich
der Verbände, Politik und Informationspraxis es nicht geschafft
haben, in Deutschland ein "Freedom of Information
(wie in den USA, aber auch anderen, auch westeuropäischen
Ländern) (Blackstock/Oppenheim 1999) auf den Weg zu bringen.
-
Produktdiversifikation:
Die Mittlerleistungen unterliegen einer weitgehenden Produktdiversifikation,
vor allem unter dem Einfluß der Faktoren Online-Betrieb/Telekommunikation,
Multimedia und Hypertextifizierung/Vernetzung.
-
Marketingbedarf:
Die Marktstruktur und das Marktverhalten insgesamt ändern
sich. Aus bislang weitgehend angebotsorientierten Dienstleistungen
werden zunehmend nachfrageorientierte Dienstleistungen mit der
Konsequenz eines intensivierten Marketing.
-
Postprofessionalisierung:
Das gesamte Informationsgebiet unterliegt einer fortschreitenden
Postprofessionalisierung (Cronin/Davenport 1988) , d.h. neben
die klassischen Teilnehmer Verlage, Buchhandel, Druckereien,
Bibliotheken, Archive, Museen, Dokumentationseinrichtungen,
Datenbasisproduzenten und Datenbankanbieter treten viele
Anbieter und Dienstleister, die zum engeren Informationsgebiet
ursprünglich keinen Kontakt hatten, z.B. Banken, Versicherungen,
Beratungsunternehmen, Medienhäuser jeder Art, Software-Hersteller,
Kammern, Kommunen, aber im Prinzip jedes Wirtschaftsunternehmen,
das in der Informationsgesellschaft als Teilnehmer der Informationswirtschaft
auftreten und Geld verdienen will. Man muß diese Entwicklung
nicht als Post-, sondern kann sie auch als neue Professionalisierung
bezeichnen haben sich dadurch erst im großen Stil
die elektronischen Märkte einrichten können.
-
Endnutzermärkte:
Informationsmärkte entwickeln sich zunehmend zu Endnutzermärkten,
d.h. die Entwicklung der Benutzerschnittstellen (direkte Manipulation,
Graphik-Schnittstellen) erlaubt es immer mehr Personen, sich
den Zugriff zu Informationsressourcen ohne Vermittlungsunterstützung
direkt zu verschaffen (Kuhlen 1999).
-
Endanbietermärkte:
Informationsmärkte entwickeln sich zunehmend zu Endanbietermärkten,
d.h. der leichte Zugriff zu den Netzwerken bzw. der kostengünstige
Aufbau von eigenen elektronischen Informationsangeboten - nicht
nur in Wirtschaft oder Wissenschaft, sondern im Prinzip für
jedermann auch im Privatbereich (in Deutschland sind gegenwärtig
mit stark steigender Tendenz ca. 2 Millionen Host-Rechner an
das Internet angeschlossen) erlaubt es einzelnen Personen und
nicht-professionellen Gruppen, ihre Informationsleistungen direkt
in das Netz zu stellen.
-
Technische Informationsassistenz:
Informationelle Mittlerleistungen werden zunehmend durch technische
Informationsassistenten in den verschiedensten Ausprägungen
wahrgenommen. Das reicht über Such-/Orientierungsassistenten
über Transaktionsassistenten bis hin zu fortgeschrittenen
Kommunikationsassistenten (Kuhlen 1999).
Entsprechend
den Veränderungen in den Rahmenbedingungen ist eine weitgehende
Umschichtung in den Zuständigkeiten für die Erzeugung,
Aufbereitung, Verteilung und Nutzung von Fachinformation zu erwarten.
Dies wird in den einzelnen Bereichen Wissenschaft, Wirtschaft,
Politik. Bildung, Medien etc. - verschieden ausfallen. In jedem
Fall sind die jeweils einschlägigen Partizipanden - in der
Wissenschaft z.B. wissenschaftliche Autoren, wissenschaftliche Gesellschaften
und Verbände, Verlage, Buchhandel, Druckwesen, Clearinghäuser,
elektronischer Versandhandel etc. an der Ausgestaltung der
Fachinformationspolitik zu beteiligen.
Einige Defizite
Auch
bei der Anerkennung der erwähnten Kontinuität der Fachinformationspolitik
in der Bundesrepublik ist es unverkennbar, daß sich in den
langen Jahren der konservativ-liberalen Regierung Verkrustungen
und damit ein Reformstau auch auf dem Fachinformationsgebiet ergeben
haben, die es dringend zu überwinden gilt. Deutschland ist
seit etwa 1996 international gegenüber Ländern wie USA,
Kanada, Australien, aber auch Finnland, um nur diese zu nennen,
zurückgefallen. Das ist nach Einschätzung der Experten
eines vom Bundestagsabgeordneten Jörg Tauss 1999 eingerichteten
Arbeitskreises Fachinformation
u.a. zurückzuführen:
-
auf das Fehlen einer
umfassenden Konzeption, bei der Fachinformation in Informationspolitik
insgesamt eingebettet ist (vgl. für England Blair 1998;
für Frankreich Jospin 1998; in Deutschland ist ein Schritt
in die richtige Richtung Mosdorf 1998)
-
auf die unzureichende
Aufnahme der aus der Wissenschaft (nicht nur der Informationswissenschaft)
vorgelegten Konzepte und damit auf einer zu niedrigen Innovationsrate
bei Produkten und Organisationsformen der Informationswirtschaft
-
auf das Festhalten an
einem reduzierten Fachinformationsbegriff, wodurch - aus welchen
Gründen der negativen Koordination auch immer - u.a. der
ganze Bereich der öffentlichen Information aus Politik
und Verwaltung ausgegrenzt wurde und damit der Wirtschaft Innovationsbereiche
entzogen wurden
-
auf die ungenügende
Repräsentation Deutschlands in entscheidenden internationalen
Gremien wie dem World-Wide-Web-Konsortium (W3C)
-
auf mangelnde internationale,
vor allem europäische Koordination der Fachinformationsvorhaben
-
auf die wenig erfolgreiche
Umsetzung von an sich vielversprechenden Förderinitiativen
wie Info2000 oder Global Info,
-
auf die ungenügende
Einbindung der verschiedenen Organisationen der Informationswirtschaft,
-
auf das Fehlen einer
umfassenden Konzeption für Aus- und Weiterbildung (zum
Schaffen von Informationskompetenz)
-
auf das Fehlen einer
zentralen für Kontinuität und Kompetenz auch bezüglich
der Politikberatung sorgenden Informationsstruktureinrichtung
im Fachinformationsgebiet
-
und vor allem auf mangelnde
Transparenz und Koordination von seiten der Politik bzw. der
Ministerialverwaltung, wodurch kein angemessenes offenes Politikmodell
möglich wurde
Um
die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft, die Leistungsfähigkeit
von Wissenschaft und Politik/Verwaltung zu erhalten sowie zur dauerhaften
Bildung einer aufgeklärten Öffentlichkeit im demokratischen
Gemeinwesen, ist es dringend erforderlich, die zu konstatierende
Stagnation in der Fachinformationspolitik in Deutschland zu durchbrechen.
Primärziel einer Fachinformationspolitik
Oberstes
Ziel einer verantwortlichen Fachinformationspolitik muß es,
wie erwähnt, sein, die Mitglieder und Institutionen der Gesellschaft
in die Lage zu versetzen, informationell autonom zu agieren, d.h.
sich den Zugriff auf die relevanten Informationsquellen zu zumutbaren
fairen Bedingungen zu sichern.
Die
Informationsgesellschaft macht nur dann Sinn, wenn sie jeden Bürger
und jede Institution informationskompetent machen kann. Informationskompetenz
kann heute nicht mehr Wissensautonomie bedeuten, d.h. alles selber
zu wissen, was zum Handeln gebraucht wird, wohl aber Informationsautonomie.
Informationell autonom zu sein, heißt in der Lage zu sein,
auf die Informationsressourcen, die auf den Märkten im Prinzip
verfügbar sind, zugreifen, sie beurteilen und sie produktiv
nutzen zu können (Kuhlen 1999). Informationelle Autonomie ist
die Voraussetzung dafür, nicht absolut, aber mit Rücksicht
auf aktuelle Situationen wissensautonom zu werden.
Informationelle
Autonomie war in der längsten Zeit der Menschheit sicher eine
Frage von Intelligenz und Kompetenz, aber in der Ausprägung
auch eine Funktion der persönlichen Kommunikationsfähigkeit
und der Chance, mit anderen, über anderes Wissen verfügenden
Menschen zusammenzukommen, nicht zuletzt auch abhängig von
der Möglichkeit, sich der Ressourcen des Wissens auch in materieller
Hinsicht vergewissern zu können.
Aneignung
von Wissen ist in der Neuzeit zur Chance vieler und im Prinzip aller
geworden, und das hat sich mit der Entwicklung der elektronischen
Darstellungs- und Verteilungsformen von Wissen auf elektronischen
Informationsmärkten fortgesetzt. Nicht zuletzt soll die gegenwärtige
Gesellschaft auch deshalb Informationsgesellschaft genannt werden,
weil die Verwirklichung zumindest der öffentlichen und professionellen
Lebensziele aller Bürger sich auf eine bis dahin nicht gekannte
Verfügung über Wissen abstützen kann. Eine moderne
Gesellschaft wird entsprechend darin zu messen sein, inwieweit sie
ihre Mitglieder in die Lage versetzt, informationell autonom zu
operieren. Dies ist der politische Rahmen und das Gestaltungsprinzip
auch der Fachinformationspolitik.
Eckwerte einer neuen Fachinformationspolitik
Handlungsbedarf des Staates.
Es
besteht gerade in der Gegenwart der Globalisierung der Informationsmärkte
ein dringender Handlungs- und Gestaltungsbedarf auch des jetzigen
Nationalstaates, in Europa sicherlich nur möglich in enger
Kooperation mit der EU-Kommission.
Die in der Bundesrepublik bis in die jüngste Vergangenheit
hinein fast schon dogmatisch gewordene Position des Setzens auf
die Marktmechanismen und auf die Privatisierung wichtiger Bereiche
der Fachinformation muß neu bedacht werden (Bourdieu 1998),
ohne damit grundsätzlich die Berechtigung und Leistungsfähigkeit
eines freien Informationsmarktes in Zweifel zu ziehen. Die Märkte
der Information sind nicht nur kommerzielle Marktplätze, sondern
auch Foren des öffentlichen Austauschs von Wissen. Dem Auf-
und Ausbau von Informations- und Kommunikationsinfrastrukturen kommt
die gleiche Bedeutung zu, wie sie die traditionellen Infrastrukturen
(z.B. für Verkehr oder Energieversorgung) seit langem haben.
Fachinformation und Wissenschaft
Wesentliches
Ziel einer jeden Fachinformationspolitik muß es auch angesichts
der fortschreitenden Ökonomisierung von Wissen und Information
sein, der Wissenschaft die informationelle Grundlage zu geben, die
sie in die Lage versetzt, in der Kontinuität mit den bislang
erzielten Ergebnissen zu neuen Einsichten zu kommen, und gleichzeitig
die Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Austausch des erarbeiteten
Wissens mit Anwendern in allen gesellschaftlichen Bereichen (z.B.
der Wirtschaft, Politik/Verwaltung, Bildung, Medien, aber auch der
allgemeinen Öffentlichkeit) möglich macht. Hier nur einige
Hinweise auf Prinzipien und Anforderungen an den Wissenschaftsmarkt:
-
Der freie und uneingeschränkte
Zugriff zu dem vorhandenen Wissen und zu den Ressourcen der
Information, die in öffentlicher Zuständigkeit hergestellt
wurden, muß selbstverständlich und garantiert sein.
Das gilt zunächst selbstverständlich für das
im Bereich der Wissenschaft und anderen öffentlich finanzierten
Einrichtungen produzierte Wissen und den daraus abgeleiteten
Informationsleistungen. Das gilt aber auch für die Angebote/Mehrwertleistungen
der Informationswirtschaft. So wie durch staatliche Finanzierung
die Bibliotheken auf den Märkten die gedruckten und andere
mediale Produkte kaufen und dann gebührenfrei ihren Nutzern
bereitstellen konnten/können, so müssen auch die elektronischen
Informationsprodukte angekauft und den Berechtigten zugänglich
gemacht werden.
-
In den Hochschulen und
anderen Wissensproduktionseinrichtungen muß verstärkt
der Aufbau informationeller Sensibilität und Kompetenz
gefördert werden. Der methodisch geschulte Umgang mit Fachinformation
muß zur Basisqualifikation eines jeden Wissenschaftlers
gehören. Dazu gehört auch die Kenntnis und Einhaltung
der entsprechenden internationalen Standards im Wissens- und
Informationsbereich.
-
An den Universitäten
sind Infrastruktureinrichtungen für Information und Kommunikation
einzurichten. Die bisherigen Rechenzentren und Bibliotheken
sollen verstärkt zusammenarbeiten bzw. gemeinsame Einheiten
bilden, die in erster Linie die Informationsarbeit von Wissenschaftlern
in jeder Hinsicht, nicht nur Rechnen und Buchbeschaffung, unterstützen
sollen.
-
Es müssen neue
Modelle des wissenschaftlichen Arbeitsplatzes und der informationellen
Absicherung (über wissenschaftliche Marktplätze) entwickelt
werden, die sich an der Metapher der Portale orientieren könnten,
d.h. Wissenschaftler treten durch auf ihre individuellen Bedürfnisse
hin zugeschnittenen Portale in eine Fachinformationswelt ein,
in der sie in einem elektronischen Informationsraum alles an
Information finden, was sie zur Lösung anstehender Probleme
brauchen schnell, einfach, strukturiert, handlungsrelevant,
qualitativ bewertet.
-
Es müssen Finanzierungsmodelle
entwickelt werden, die den Bedürfnissen der Öffentlichkeit
nach freiem Zugang zur Information in der Wissenschaft Rechnung
tragen und ebenso dem berechtigten Ansinnen der Informationswirtschaft,
auch mit Produkten der Fachinformation Gewinne zu erzielen.
Neue Formen der Direktpublikation
Es
müssen neue Wege gefunden werden, die es der Wissenschaft,
in Koordination mit den gegenwärtigen Distributoren von Wissen
(Verlagen, Agenturen, Bibliotheken, Buchhandel) und in Zusammenarbeit
mit den Fachgesellschaften und den jeweiligen internationalen wissenschaftlichen
Gemeinschaften, erlauben, neue Verfahren der Direktpublikation,
Direktkommunikation und Direktverteilung in großem Stil zu
entwickeln, ohne dabei Qualitätseinbußen gegenüber
dem derzeit bestehenden Informations- und Kommunikationsbetrieb
zu erleiden. Insgesamt ist bei diesen neuen Publikationsformen auf
die internationale Verflechtung, die Einhaltung von Standards und
die Verfügbarkeit in der englischen Wissenschaftssprache zu
achten.
Die
Informationswirtschaft muß auf angemessene Weise dem Wissenschaftssystem
(nicht unbedingt den Autoren selber) den Input an Originalwissen
für ihre Produkte honorieren. Es kann nicht angehen, daß
die Informationswirtschaft die wissenschaftliche Originalproduktion
sich weitgehend kostenlos aneignen kann, um daraus marktfähige
Produkte zu machen, die dann von der Wissenschaft selber zurückgekauft
werden müssen.
Es
müssen in den Hochschulen und anderen Wissensproduktionseinrichtungen
die Voraussetzungen dafür geschaffen oder erweitert werden,
daß Wissenschaft die Publizität ihrer Forschungsergebnisse
selber in die Hand nehmen kann.
Es
muß geklärt werden, welche Rolle die Verlage und die
anderen Vermittlungseinrichtungen (Buchhandel etc.) der Informationswirtschaft
weiterhin bei der (elektronischen) Direktbereitstellung spielen
sollen. Insbesondere bedarf es erheblicher Gestaltung bei z.B. den
folgenden Problemen:
-
Es müssen neue,
effizientere Mechanismen der Bekanntmachung (Metainformationsformen)
entwickelt werden, um bei durchgängiger Direktpublikation
die Ergebnisse auch öffentlich allgemein bekannt zu machen.
-
Neue Formen des Wissenschaftsmarketing
und der Wissenschaftswerbung sind in den elektronischen Medien
erforderlich.
-
Im Wissenschaftsbereich
ist Kompetenzerweiterung nötig, um die Informationsarbeit
der informationellen Aufbereitung (Inhaltserschließung/Wissensrepräsentation,
mediale Veredelung, Übersetzung, etc.) entweder selber
leisten zu können oder dafür neue Kooperationspartner
zu finden.
-
Neue Verfahren der Qualitätssicherung
müssen bei durchgängiger Direktpublikation entwickelt
werden, um die Standards im Wissenschaftsbereich aufrechterhalten
zu können, ohne dadurch restriktiv die innovativen Möglichkeiten
des Publizierens durch jeden zu verschütten.
-
Sowohl Urheberrecht
und Copyright für wissenschaftliche Publikationen müssen
neu definiert werden. Es muß eine neues Fair-use-Prinzip
entwickelt werden.
-
Umschichtungen im Autorenbegriff
sind durch die in den elektronischen Medien verstärkt auftretenden
virtuellen Publikationsformen zu erwarten, und es muß
ihnen Rechnung getragen werden.
-
Die in den elektronischen
Medien und durch Formen der Direktpublikation verstärkt
auftretenden Probleme der Dauerarchivierung - Sicherung des
Bestandes des Wissen - müssen in Zusammenarbeit mit den
betroffenen und zuständigen Personen und Institutionen
gelöst werden.
Fachinformation und Wirtschaft
Die
Informationsgesellschaft ist in ökonomischer Hinsicht wesentlich
dadurch geprägt, daß in ihr die Verfügung über
Wissen zu den wesentlichen Erfolgsfaktoren gehört. Nicht umsonst
wird zum Bewertungsmaßstab von Organisationen, auch an der
Börse, die Einschätzung ihres intellektuellen Kapitals.
Dieses Kapital kann immer weniger aus den Organisationen heraus
selber erarbeitet werden, sondern ist auf die Erschließung
der Information aus den entstehenden globalen Informationsmärkten
angewiesen. Die Kompetenz von Organisationen beruht nicht zuletzt
darauf, die vorhandenen Informations- und Kommunikationsstrukturen
in technischer und methodisch-inhaltlicher Sicht für ihre Zwecke
einzusetzen.
Strategien
und Aktivitäten im Bereich der Fachinformation müssen
diesem Strukturwandel in der Wirtschaft, der immer mehr zu virtuellen
Organisationsformen im globalen Maßstab führen wird,
Rechnung tragen. Auch wenn nationale Informationspolitiken nur noch
in der Kommunikation mit den europäischen und internationalen
Aktivitäten möglich sind, ist es doch die spezielle Aufgabe
der Fachinformationspolitik in der Bundesrepublik Deutschland, die
informationelle und kommunikative Infrastruktur bereitzustellen,
die es der Wirtschaft in Deutschland erlaubt, mit entsprechendem
intellektuellen Kapital ausgerüstet in dem globalen Wirtschaftsgeschehen
erfolgreich mitzumischen. Dazu gehört auch die Unterstützung
des Wissenstransfers aus den Bereichen der Wissensproduktion (z.
B. den Universitäten) in den Bereich der Wissensnutzung (hier
der Wirtschaft)
Alle
Maßnahmen zur verstärkten Zusammenarbeit von Wissensproduzenten
und Wissensanwendern und zur Erschließung aller Ressourcen
müssen unterstützt werden. Dabei sollte Fachinformation
aus ökonomischer Sicht nicht länger nur als Voraussetzung
für Wachstum gesehen werden, sondern als unverzichtbare Grundlage
der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft im globalen
Maßstab und damit als Grundlage des gesellschaftlichen Reichtums
insgesamt.
Informationswirtschaft
Die
Informationswirtschaft, d. i. unter der Perspektive der Fachinformation
der Bereich der allgemeinen Volkswirtschaft, der für die Produktion,
Aufbereitung und Verteilung von Informationsprodukten und -dienstleistungen
zuständig ist, ist der Motor der Wirtschaft in der Informationsgesellschaft,
sei es durch ihre Zuarbeit zu den anderen Sektoren der Volkswirtschaft,
wie den Agrar-, Industrie-, Dienstleistungssektoren und dem Sektor
der öffentlichen Verwaltung und Politik.
Der
Informationswirtschaft, die ihre Leistungen weitgehend durch die
Aufbereitung von Wissen erzielt, das mit öffentlicher Finanzierung
erarbeitet wurde, müssen neue Anreize zur Gestaltung einer
fairen und für sie konkurrenzfähigen Preispolitik gegeben
werden. Auch in der Marktwirtschaft besteht ein erheblicher Steuerungsbedarf
des Staates für den zentralen Bereich der Informationswirtschaft
bzw. besteht die Notwendigkeit zur Schaffung von Anreizen, z. B.
durch Entwicklung rechtlicher und standardisierender Rahmenbedingungen,
wie z. B. neuer fairer Besteuerungsmodelle oder eines neuen "fair
use im Urheberrecht, oder durch die konkrete Förderung
von Vorhaben zur Entwicklung innovativer Produkte.
Politik und Verwaltung
Die
Aussagen zur Bedeutung des intellektuellen Kapitals für die
Wirtschaft gelten ebenso für den öffentlichen Bereich
aus Politik und Verwaltung auf allen Ebenen. Der Bedeutung von Fachinformation
für die Bereiche Politik und Verwaltung muß entsprechend
deutlicher Rechnung getragen werden, damit Rationalität und
Effizienz von politischen und administrativen Handlungen durch die
Nutzung von Information gesteigert werden kann. Dies ist besonders
durch die fortschreitende "Verwissenschaftlichung des
Politik- und Verwaltungsgeschehens und durch die weitgehende Vernetzung
der Politik- und Verwaltungsbereiche, zunächst im europäischen
Maßstab, dann auf vielen Gebieten auch im globalen Maßstab,
nötig geworden.
Die
Anstrengungen der Verwaltung, im Rahmen der derzeit favorisierten
neuen Steuerungsmodelle bürgernähere und leistungsstärkere
und mit der Wirtschaft koordinierte Verfahren zu entwickeln, hängen
entscheidend davon ab, inwieweit ein leistungsfähiges Informationsmanagement
und entsprechend der Zugriff auf einschlägige Fachinformation
realisiert werden kann. Dieses Informationsmanagement muß
zusammengehen mit der Bereitschaft der Verwaltung, im Sinne einer
informationellen Symmetrie auch die Verwaltungsinformation selber
für die Bürger umfänglicher und besser verfügbar
zu machen.
-
Eine Fachinformationspolitik
muß entsprechend dem Rechnung tragen, daß der öffentliche
Bereich verstärkt die von ihm erzeugten Informationen auf
angemessene und die Potentiale der Informations- und Kommunikationstechnologien
ausnutzende Weise der Öffentlichkeit (der Wirtschaft, aber
auch dem allgemeinen Publikum) zur Verfügung stellt. Ein
deutsches "Freedom of Information ist mehr als überfällig.
-
Der Zugriff zur öffentlichen
Information, sofern sie öffentlich werden kann, muß
grundsätzlich uneingeschränkt und gebührenfrei
sein. Ob der Staat selber als Informationsanbieter auftritt
oder andere Organisationen damit beauftragt, ist eine wichtige,
aber nicht entscheidende Frage. Es darf aber nicht die Situation
auftreten, daß in einer Demokratie die Bürger die
öffentliche Information von privaten Anbietern ankaufen
müssen. Es kann nicht der Sinn eines auch in der Bundesrepublik
zu verabschiedenden "Freedom of Information sein,
daß damit die Informationswirtschaft sich neue Märkte
erschließt (auch wenn dies natürlich vor allem unter
dem Aspekt der Mehrwerterzeugung auch erwünscht ist) und
den Zugriff auf die öffentliche Information für den
Bürger restriktiver werden läßt. Hier den richtigen
Kompromiss zwischen öffentlichem und privatwirtschaftlichem
Interesse zu finden, ist eine besondere Herausforderung an Informationspolitik.
-
Weiterhin muß
die Fachinformationspolitik, die sich zum Ziel setzt, daß
auch öffentliches Handeln informationsrational organisiert
ist, Maßnahmen dafür treffen, daß das Wissensmanagement
in den Bereichen Politik und Verwaltung verstärkt auf die
Ressourcen der Informationsmärkte zurückgreifen kann,
sich also nicht nur auf die internen Ressourcen verläßt.
Nur so werden sich die vielversprechenden Ansätze des neuen
Steuerungsmodells in der öffentlichen Verwaltung umsetzen
lassen.
-
Entsprechend sind die
Kommunikationsinfrastrukturen zu schaffen, die Politik und Verwaltung
einen effizienten Austausch mit anderen Politik- und Verwaltungsbereichen,
mit den Informationsmärkten, aber vor allem auch mit ihrer
Klientel in allen Bereichen der Gesellschaft ermöglicht.
Fachinformation und (mediale) Öffentlichkeit
Vom
allgemeinen Strukturwandel in der Informationsgesellschaft sind
auch die Formen der Erstellung demokratischer Öffentlichkeit
betroffen, die bislang in erster Linie von den klassischen Medien
wahrgenommen wurden. Auch bei den Medien werden Formen der globalen
Vernetzung, der Virtualisierung ihrer Organisationsformen und vor
allem der Bedeutung der Vertiefung über intellektuelles Kapital
immer wichtiger.
Fachinformationspolitik
muß dem Rechnung tragen, daß ein öffentliches Interesse
daran besteht, daß die Medien die Ressourcen der Information,
vor allem von öffentlich erzeugter Information aus Politik/Verwaltung
und Wissenschaft, für ihre Arbeit nutzen können. Dies
bedeutet auch, daß Fachinformation in einer Weise aufbereitet
wird, daß sie auch in nicht-wissenschaftlichen Umgebungen
genutzt werden kann.
Auch
der andere Aspekt der Erzeugung demokratischer Öffentlichkeit
durch das Publikum selber sollte Gegenstand der Fachinformationspolitik
sein: Es ist nicht zu verkennen, daß das Meinungsbildungsmonopol
der Politik- und Medienprofessionellen durch den fortschreitenden
Einsatz von elektronischen Kommunikationsformen (Email, Foren, Konferenzsysteme
etc.) auch für das allgemeine Publikum transformiert wird (Kuhlen
1998). Es müssen entsprechende kommunikative Infrastrukturen
geschaffen werden, auch beispielsweise zur Vorbereitung und Durchführung
von Wahlen, die den möglichen Wandel des Demokratieverständnisses
in der Informationsgesellschaft in Richtung direkter Formen Rechnung
tragen können.
Die
Rolle von Fachinformation zur Bildung von aufgeklärter Öffentlichkeit
im demokratischen Gemeinwesen muß im Zusammenspiel mit den
Medien der bisherigen Massenkommunikation, aber auch durch die Berücksichtigung
neuer direkter Formen der Teilhabe der Bürger am öffentlichen
Geschehen, z. B. über elektronische Foren, neu bestimmt und
erweitert werden.
Kulturauftrag
So
wichtig und unverzichtbar die ökonomische und politische Funktion
von Fachinformation auch ist, es darf auf keinen Fall vernachlässigt
werden, daß jede Generation die Pflicht hat, das bis dahin
erarbeitete Wissen nachfolgenden Generationen aufzubereiten und
aufzubewahren. Nicht umsonst baut die UNESCO derzeit weltweit nach
den erfolgreichen Programmen des Weltnatur- und Weltkulturerbes
derzeit ein Programm "Memory of the World auf. Es darf
nicht passieren, daß der Staat durch vorschnelle Privatisierung
sich der Verantwortung zur kontinuierlichen Bestandssicherung auch
nur partiell entzieht. Sicherung von Fachinformation, Archivierung
von Wissen zum Zweck zukünftiger, gegenwärtig vielleicht
noch unbekannter Nutzung, ist eine wichtige Kulturaufgabe.
Informations- und Medienkompetenz
Das
Fachinformationsgebiet kann nur so gut sein bzw. so erfolgreich
auf die anderen Gebiete der Gesellschaft einwirken, als die Menschen
informationskompetent sind, und zwar in dem doppelten Sinne:
-
aus Anbieter- und Vermittlersicht
in der Lage sein, die Produkte und Dienstleistungen zu erstellen,
die benötigt und nachgefragt werden (wobei Anbieter durchaus
auch Informationslaien sein können)
-
aus Nutzersicht auf
die auf den Informationsmärkten vorhandenen Informationsressourcen
zugreifen, sie beurteilen und für ihr aktuelles Handeln
nutzen zu können.
Lange
Zeit beschränkte sich Informationskompetenz auf die eher technische
Sicht (exemplarisch in den Forderungen nach dem Informatikführerschein
deutlich geworden). Es ist aber heute klar erkennbar, daß
die Wettbewerbsfähigkeit der Informationswirtschaft zwar auf
der Verfügung der technischen Informations- und Kommunikationsinfrastruktur
(den Rechnern und der Telekommunikation) beruht, die Umsätze
aber immer mehr über die Inhalte bzw. über die Erzeugung
informationeller Mehrwerte über die Inhalte, also durch die
vielfältigen Informationsprodukte und dienstleistungen
selber erzielt werden. Die Informationswirtschaft benötigt
entsprechend dringend Personal, das im Umgang mit Information selber
professionell geschult ist.
Unter
Anerkennung der grundsätzlichen Zuständigkeit der Länder
für Angelegenheiten von Aus- und Weiterbildung muß sich
eine neue Informationspolitik verstärkt um die Entwicklung
von Informations- und Medienkompetenz auf allen Ebenen der Ausbildung
und in allen Bereichen der öffentlichen und privaten Weiterbildung
kümmern. Hierzu gehört ebenfalls die Bereitstellung der
entsprechenden technischen Infrastruktur und Lehr- und Lernmittel,
aber auch die Weiterqualifikation der Ausbilder, Lehrer, Hochschullehrer
selber. Nicht der Informatikführerschein ist das Ziel
von Informationskompetenz, sondern die Bildung von Urteilskraft
zur Einschätzung und Selektion von überbordender Information
aus weltweiten heterogenen Quellen. Deren Zuverlässigkeit ist
durchaus nicht immer bekannt. Entsprechend müssen nachvollziehbare
Verfahren der Qualitätssicherung entwickelt werden.
Infrastruktur der Fachinformation
Zur
weiteren Infrastruktur der Fachinformation und als Bedingung ihrer
Leistungsfähigkeit gehören auch die in den letzten ca.
25 Jahren eingerichteten Fachinformationseinrichtungen/-zentren.
Deren Rolle ist in den letzten Jahren in erster Linie durch kaum
weiter begründete Rationalisierungs- bzw. Privatisierungsanforderungen
der Fachinformationspolitik in Frage gestellt worden, ohne daß
eine öffentliche Debatte darüber geführt worden ist,
in welchem Ausmaß in Deutschland die Öffentlichkeit/der
Staat für die institutionelle Finanzierung welcher Zentren
auf welchen Gebieten des Wissens sich für zuständig erklärt
bzw. welche neue Aufgaben auf die Fachinformationszentren zukommen,
für die sie institutionelle und personelle Kapazität und
Kompetenz haben. Die anstehende Transformation der Institutionen
des Fachinformationsgebietes muß sehr vorsichtig und nach
den Ergebnissen einer öffentlichen, weitgehenden Konsensdebatte
geführt werden.
Die
unbefriedigende politische Situation des Fachinformationsgebietes
ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, daß sich
die Politik des eigens dafür geschaffenen Instrumentes einer
Infrastruktureinrichtung des Informationsgebietes selber durch Auflösung
der Gesellschaft für Information und Dokumentation (GID) beraubt
hatte. Seitdem beruhen politische Zielfindung, Politikberatung und
die Wahrnehmung der vielfältigen informationellen Infrastrukturaufgaben
und Öffentlichkeitsarbeit, auch bezüglich der Koordination
in Europa, auf eher zufälligen Kontakten und sind kaum in der
Öffentlichkeit nachvollziehbar.
Es
sollte Aufgabe der Fachinformationspolitik sein, herauszuarbeiten,
unter welchen Bedingungen jenseits eines heute gänzlich
unangebrachten Zentralismus, aber auch jenseits einer zersplitterten
Beliebigkeit eine leistungsfähige und für Kontinuität
und Transparenz sorgende Fachinformationsinfrastruktur geschaffen
werden kann. Dafür ist sicherlich eine kleine leistungsstarke
autonome Institution (keine nachgeordnete Einrichtung der Politik)
erforderlich, wichtiger aber sind neue, die Potentiale der gegenwärtigen
Kommunikationstechnologien nutzende Formen wie runde Tische, Foren
und alle Formen des direkten Austauschs über Konferenzen, Hearings,
Workshops etc.
Politische Steuerung und Zuständigkeit für
Fachinformation
Bislang
ist dem BMBF bzw. seinen Vorläuferinstitutionen die Federführung
bei der Ausgestaltung des Fachinformationsgebietes zugekommen. Angesichts
der zentralen Bedeutung von Wissenschaft, Technik und Bildung für
Fachinformation ist es auch weiterhin sinnvoll, daß das BMBF
hier die treibende und politikgestaltende Kraft bleibt, allerdings
in Zukunft mehr in dem Sinne, daß das an den Rändern
immer mehr sich ausdifferenzierende Gebiet der Fachinformation einer
Instanz bedarf, die koordinierend, steuernd tätig wird und
insgesamt für Transparenz im Fachinformationsgeschehen sorgt.
An
beiden an entsprechender Koordination und an der Transparenz
hat es in den Jahren entscheidend gefehlt. Im Vergleich zu
anderen Ländern in Europa ist das Gebiet in den Zuständigkeiten
und Maßnahmen stark zersplittert dies war die Kritik
des ersten Berichtes des Bundesrechnungshofes an der Situation der
Dokumentation Mitte der sechziger Jahre und läßt
in den letzten Jahren keine klare Zielsetzung und kompetente Umsetzung
erkennen.
Ebenso
gewichtig wie die fehlende Koordinationskompetenz man kann
eher von negativer Koordination sprechen, also der Eingrenzung auf
das vom BMBF-Referat allein Entscheidbare, ist die mangelnde
Transparenz im Fachinformations(förder)geschehen. Hier ist
in den letzten Jahren eine Politik der Intransparenz betrieben worden,
die in hohem Maße wissenschaftliche Einrichtungen, Fachgesellschaften
und viele Wissenschaftler, ebenso wie die fachinformationsbezogenen
Einrichtungen (die FIZen), verunsichert haben und die im direkten
Widerspruch zu den Gestaltungszielen der Fachinformation in der
Informationsgesellschaft steht.
Fachinformation
geht aber alle gesellschaftlichen Bereiche an. Eine neue Fachinformationspolitik
muß daher stärker als bisher auf Transparenz und Mitwirkung
aller dabei beteiligten Gruppen ausgerichtet sein. Es müssen
dabei neue Formen entwickelt werden, durch die in der allgemeinen
Öffentlichkeit, in den Fachgesellschaften, in den Medien, in
den Organisationen der Informationswirtschaft und in den vielen
gesellschaftlichen Gruppierungen bis hin zu den Bürgerbewegungen
das Bewußtsein für die Wichtigkeit von Fachinformation
und für die Verantwortung der Gestaltung des Fachinformationsgebietes
auch gestärkt wird.
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