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Rainer Kuhlen

Fachinformation und Fachkommunikation in der Informationsgesellschaft

Grundzüge einer neuen Fachinformationspolitik in der Bundesrepublik Deutschland

Eine neue Fachinformationspolitik
Eckwerte einer neuen Fachinformationspolitik
Handlungsbedarf des Staates
Interesse der Wirtschaft
Informationswirtschaft
Wissenschaft
Verteilung und Verbreitung von Wissen
Politik und Verwaltung
Öffentlichkeit
Kulturauftrag
Informations- und Medienkompetenz
Transparenz
Informationseinrichtungen
Infrastruktur
Fachinformation als Kernstück der auf Wissen hin ausgelegten Informationsgesellschaft
Fachinformation zur Absicherung professionellen und öffentlichen Handelns
Rahmenbedingungen der Transformation des Gebietes der Fachinformation
Fachinformation und Wissenschaft
Direktpublikation
Informationelle Absicherung der Wissenschaft
Fachinformation und Wirtschaft
Fachinformation und öffentlicher Bereich
Fachinformation und (mediale) Öffentlichkeit
Fachinformation im Bildungsbereich
Infrastruktur der Fachinformation
Politische Steuerung und Zuständigkeit für Fachinformation


Zusammenfassung: Um die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft, die Leistungsfähigkeit von Wissenschaft und Politik/Verwaltung zu erhalten sowie zur dauerhaften Bildung einer aufgeklärten Öffentlichkeit im demokratischen Gemeinwesen, ist es dringend erforderlich, die seit Mitte der 90er Jahre festzustellende Stagnation in der Fachinformationspolitik in Deutschland zu durchbrechen. Oberstes Ziel einer verantwortlichen Fachinformationspolitik muß es sein, die Mitglieder und Institutionen der Gesellschaft in die Lage zu versetzen, informationell autonom zu agieren, d.h. sich den Zugriff auf die relevanten Informationsquellen zu zumutbaren fairen Bedingungen sichern und die Informationsprodukte bewerten und nutzen zu können.



Eine neue Fachinformationspolitik

Warum eine neue Fachinformationspolitik? Zeichnet sich doch die Bundesrepublik Deutschland seit 1974 – das ist der Beginn der Laufzeit des ersten Förderprogramms des sogenannten IuD-Programms - durch eine bemerkenswerte Kontinuität bei der Förderung und Koordination des Fachinformationsgebietes aus. Bezüglich der Inhalte und Ziele hat es weniger Kontinuität gegeben. Wie könnte es auch anders sein? Auch die Informationspolitik im allgemeinen und als Teil davon die Fachinformationspolitik müssen wie jede Politik zu einem materialen Politikbereich auf den jeweiligen Politik-/Zeitgeist reagieren, zuweilen kann sie ihn auch mitgestalten.

Nicht neu ist natürlich die Einsicht, daß angesichts der Bedeutung der Fachinformation und ihrer organisatorischen Ausprägungen in den Informationsmärkten für die Gesamtwirtschaft und Gesamtgesellschaft von seiten der staatlichen oder überstaatlichen Organe in den Markt in irgendeiner Form eingegriffen werden muß. Jede Zeit muß aber das Ausmaß, die Instrumente und vor allem die Zielsetzung der Steuerung neu bestimmen. Versucht man die Möglichkeiten der Ausprägung von Informationspolitik zu systematisieren, so steht auch Informationspolitik in ihren verschiedenen Ausprägungen1 in der Spannung zwischen folgenden grundsätzlichen Positionen2:

  1. Setzen auf ein starkes staatliches Engagement mit entschiedenen formalen und inhaltlichen Vorgaben im Sinne einer Regulierungspolitik. Ein solcher Ansatz wird höchstens noch in autokratisch regierten Ländern wie Irak oder Iran bzw. in der Volksrepublik China verfolgt. In Europa wäre am ehesten noch Frankreich mit seiner starken etatistischen Tradition hierzuzurechnen.

  2. Liberalistisches Setzen auf die Marktmechanismen im Sinne einer Deregulierungspolitik. Dies ist die dominierende Informationspolitik in den letzten zwanzig Jahren gewesen, vor allem unter dem Einfluß der angelsächsischen Staaten und hier vor allem mit Blick auf die Telekommunikationspolitik, die zu weitgehend liberalisierten, deregulierten und tendenziell auch privatisierten Märkten geführt hat.

  3. Setzen auf das im Diskurs sich regulierende Zusammenspiel der verschiedenen im Bereich der (Fachinformations)Politik beteiligten Akteure. Dieser Diskurs kann sich als gesellschaftlicher Prozeß selber organisieren oder wird vom Staat durch seine Selektion bei der Bestimmung der heranzuziehenden Partner beeinflußt.

Nach Jahren der neo-liberalen Wirtschaftspolitik, in denen der Staat weitgehend auf das freie Spiel der Marktkräfte setzte, durch die dann ja auch die gegenwärtigen leistungsstarken Informationsmärkte entstehen konnten, ist auch heute keineswegs ein erneuter Keynesianismus die attraktive Lösung. Es kann wohl kaum ein Zweifel daran bestehen, daß in dem gegenwärtigen Verständniss von Moderne die dritte Position in Gesellschaften wie der Bundesrepublik als die realistische, zumindest als die anzustrebende anzusehen ist, ob man sie nun korporatistisch [Belege], neo-korporatistisch [Belege], mit dem Ansatz des akteurzentrierten Institutionalismus [Belege] oder heute modernistisch [Belege] begründet3. Denn die in der Bundesrepublik vorhandenen sehr ausdifferenzierten Interessengruppen im Umfeld der Fachinformation sollten nicht und können wohl auch nicht von der realen Ausgestaltung der Politik ausgrenzt werden. Daß zur Ausgestaltung des Diskurses dem Staat eine zentrale steuernde Rolle zukommen kann und vielleicht auch sollte – wie jetzt z.B. bei den Versuchen zum „Bündnis zur Arbeit“- , ist gerade im Fachinformationsgebiet einleuchtend. Besteht doch auch in der Bundesrepublik eine lange Tradition der (staatlichen) Fürsorge für alles, was mit der Produktion, Aufbwahrung und Verteilung von Wissen und Information zusammenhängt. Nach wie vor dominiert in Deutschland z.B. das mit staatlichen Mitteln finanzierte System der Wissenschaft4 bzw. das staatlich organisierte Bildungssystem bis zu den Universitäten, und auch die Kosten für den Betrieb der Bibliotheken und Archive werden weiterhin überwiegend als unverzichtbare Investitionen in die Wissensproduktion der Zukunft oder einfach als unverzichtbaren Beitrag für öffentliche Bildung und demokratische Aufklärung gesehen.

Man sollte nicht vergessen, daß die Wurzeln des Fachinformationsgebietes aus diesem Anspruch stammen, nämlich die Wissensproduktion zu sichern und dabei den Zugriff zu den Speichern des schon produzierten Wissens für alle daran interessierten Gruppen und Personen offenzuhalten. Dies ist das oberste Ziel der Fachinformation. Diesem Ziel muß das Sekundärziel, eine leistungsfähige und gut verdienende und international wettbewerbsfähige Informationswirtschaft auf globalen Märkten aufzubauen, untergeordnte sein. Es kann nicht sein, daß die Informationswirtschaft zu einer florierende Branche der Volkswirtschaft wird, aber der freizügige Zugriff zur Information, z.B. im Wissenschaftsbereich, eingeschränkt wird. Die bösen Erfahrungen mit der Privatisierung der chemischen Basisdatenbanken Gmelin und Beilstein, die somit dem neoliberalen Ansatz in der Fachinformationspolitik der letzten Jahre zum „Opfer“ gefallen sind, zeigen deutlich, daß Interesse der Wirtschaft und der Wissenschaft durchaus divergieren können. Wenn dem so ist, müssten eigentlich eindeutig die Präferenzen zugunsten des gesamtgesellschaftlichen Interesses der Wissenschaft gewichtet werden. Die Erwartung einer guten Fachinformationspolitik besteht allerdings darin, daß sich beide Ziele – freier Zugriff und leistungsfähige Wirtschaft - nicht ausschließen mögen.

Wir können an dieser Stelle nicht die gesamte Entwicklung der deutschen Fachinformationspolitik noch einmal rekapitulieren (vgl. dazu Kuhlen 1987 und 1995, 207ff), müssen aber wohl zusammenfassend feststellen, daß es in der Bundesrepublik in den letzten zwanzig Jahren nicht gelungen ist, eine integrierte Informationspolitik zu formulieren. Mag die begrenzte Fachinformationspolitik auch (begrenzt) erfolgreich gewesen sein - zumindest wenn man als Maßstab einen weitgehend eingerichteten, funktionsfähigen und auch im internationalen Maßstab nicht abfallenden Fachinformationsmarkt annimmt -, so ist dies doch nur um den Preis einer fortschreitenden Marginalisierung und Ausgrenzung wichtiger Bereiche des Informationsgeschehens insgesamt geschehen. Die Notwendigkeit einer umfassenden Informationspolitik steht nicht im Widerspruch zu der früheren Kritik des Bundesrechnungshofs, die Förderprogramme für Information und Dokumentation seien anfangs zu flächendeckend gewesen. Die Kunst der Politik besteht gerade darin, die Gesamttendenzen der sich entwickelnden Informationsgesellschaft und der verschiedenen Bereiche der Informationswirtschaft zu erkennen, Zusammenhänge herzustellen und sich dann doch auf einzelne Gebiete und Schwerpunktsetzungen zu konzentrieren. Ohne diesen Gesamtbezug wird Politik zu tagespolitischer Hantierung, das sind Handlungen ohne Zweckausrichtung.

Auch bei der Anerkennung der Kontinuität der Fachinformationspolitik in der Bundesrepublik ist es jedoch unverkennbar, daß sich in den langen Jahren der konservativ-liberalen Regierung Verkrustungen und damit ein Reformstau auch auf dem Fachinformationsgebiet ergeben haben, die es dringend zu überwinden gilt. Deutschland ist seit etwa 1996 international gegenüber Ländern wie USA, Kanada, Australien, aber auch Finnland, um nur diese zu nennen, zurückgefallen. Das ist nach Einschätzung der Experten eines vom Bundestagsabgeordneten Jörg Tauss 1999 eingerichteten Arbeitskreises Fachinfomation5 u.a. zurückzuführen

  • auf die unzureichende Aufnahme der aus der Wissenschaft (nicht nur der Informationswissenschaft) vorgelegten Konzepte und damit auf einer zu niedrigen Innovationsrate bei Produkten und Organisationsformen der Informationswirtschaft

  • auf das Festhalten an einem reduzierten Fachinformationsbegriff, wodurch - aus welchen Gründen der negativen Koordination auch immer - u.a. der ganze Bereich der öffentlichen Information aus Politik und Verwaltung ausgegrenzt wurde und damit der Wirtschaft Innovationsbereiche entzogen wurden,

  • auf die ungenügende Repräsentation Deutschlands in entscheidenden internationalen Gremien wie dem Word-Wide-Web-Konsortium (W3C)

  • auf mangelnde internationale, vor allem europäische Koordination der Fachinformationsvorhaben

  • auf die wenig erfolgreiche Umsetzung von von an sich vielversprechenden Förderinitiativen wie Info2000 oder Global Info,

  • auf die ungenügende Einbindung der verschiedenen Organisationen der Informationswirtschaft,

  • auf das Fehlen einer umfassenden Konzeption für Aus- und Weiterbildung (zum Schaffen von Informationskompetenz)

  • und vor allem auf mangelnde Transparenz und Koordination von Seiten der Politik bzw. der Ministerialverwaltung, wodurch keine angemessenes offenes Politikmodell möglich wurde

Um die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft, die Leistungsfähigkeit von Wissenschaft und Politik/Verwaltung zu erhalten sowie zur dauerhaften Bildung einer aufgeklärten Öffentlichkeit im demokratischen Gemeinwesen, ist es dringend erforderlich, die zu konstatierende Stagnation in der Fachinformationspolitik in Deutschland zu durchbrechen. Oberstes Ziel einer verantwortlichen Fachinformationspolitik muß es, wie erwähnt, sein, die Mitglieder und Institutionen der Gesellschaft in die Lage zu versetzen, informationell autonom zu agieren, d.h. sich den Zugriff auf die relevanten Informationsquellen zu zumutbaren fairen Bedingungen sichern und die Informationsprodukte bewerten und nutzen zu können.

 

Eckwerte einer neuen Fachinformationspolitik

Handlungsbedarf des Staates.

Es besteht gerade in der Gegenwart der Globalisierung der Infomationsmräkte ein dringenden Handlungs- und Gestaltungsbedarf auch des jetzigen Nationalstaates, in Europa sicherlich nur möglich in enger Kooperation mit der EU-Kommission.. Die in der Bundesrepublik bis in die jüngste Vergangenheit hinein fast schon dogmatisch gewordene Position des Setzens auf Privatisierung wichtiger Bereiche der Fachinformation muß neu bedacht werden, ohne damit grundsätzlich die Berechtigung und Leistungsfähigkeit eines freien Informationsmarktes in Zweifel zu ziehen. Die Märkte der Information sind nicht nur kommerzielle Marktplätze, sondern auch Foren des öffentlichen Austauschs von Wissen. Dem Auf- und Ausbau von Informations- und Kommunikationsinfrastrukturen kommt die gleiche Bedeutung zu, wie sie die traditionellen Infrastrukturen (z.B. für Verkehr oder Energieversorgung) seit langem haben. Oberstes Ziel einer verantwortlichen Informations- und Kommunikationspolitik (IuK-Politik) und damit auch der Fachinformationspolitik muß es sein, den Mitgliedern und Institutionen der Gesellschaft zu ermöglichen, informationell autonom zu agieren, d.h. ihnen den Zugriff auf die relevanten Informationsquellen zu zumutbaren fairen Bedingungen zu sichern, und die Bürgerinnen und Bürger in die Lage zu versetzen, Informationsprodukte bewerten und nutzen zu können. Aus diesem allgemeinen Ziel leiten sich die folgenden weiteren ab, die jeweils auf die unterschiedlichen Bereiche der Gesellschaft bzw. Volkswirtschaft bezogen sind.


Interesse der Wirtschaft

Die Informationsgesellschaft ist in ökonomischer Hinsicht wesentlich dadurch geprägt, daß in ihr die Verfügung über Wissen zu den wesentlichen Erfolgsfaktoren gehört. Nicht umsonst wird zum Bewertungsmaßstab von Organisationen, auch an der Börse, die Einschätzung ihres intellektuellen Kapitals. Dieses Kapital kann immer weniger aus den Organisationen heraus selber erarbeitet werden, sondern ist auf die Erschließung der Information aus den entstehenden globalen Informationsmärkten angewiesen. Die Kompetenz von Organisationen beruht nicht zuletzt darauf, die vorhandenen Informations- und Kommunikationsstrukturen in technischer und methodisch-inhaltlicher Sicht für ihre Zwecke einzusetzen. Alle Maßnahmen zur verstärkten Zusammenarbeit von Wissensproduzenten und Wissensanwendern und zur Erschließung aller Ressourcen müssen unterstützt werden. Dabei sollte Fachinformation aus ökonomischer Sicht nicht länger nur als Voraussetzung für Wachstum gesehen werden, sondern als unverzichtbare Grundlage der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft im globalen Maßstab und damit als Grundlage des gesellschaftlichen Reichtums insgesamt.


Informationswirtschaft

Die Informationswirtschaft, d. i. unter der Perspektive der Fachinformation der Bereich der allgemeinen Volkswirtschaft, der für die Produktion, Aufbereitung und Verteilung von Informationsprodukten und –dienstleistungen zuständig ist, ist der Motor der Wirtschaft in der Informationsgesellschaft, sei es durch ihre Zuarbeit zu den anderen Sektoren der Volkswirtschaft, wie den Agrar-, Industrie-, Dienstleistungssektoren und dem Sektor der öffentlichen Verwaltung und Politik. Der Informationswirtschaft, die ihre Leistungen weitgehend durch die Aufbereitung von Wissen erzielt, das mit öffentlicher Finanzierung erarbeitet wurde, müssen neue Anreize zur Gestaltung einer fairen und für sie konkurrenzfähigen Preispolitik gegeben werden. Steuerungsbedarf. Auch in der Marktwirtschaft besteht ein erheblicher Steuerungsbedarf des Staates für den zentralen Bereich der Informationswirtschaft bzw. besteht die Notwendigkeit zur Schaffung von Anreizen, z. B.

  • durch Vorgabe politischer Leitziele, wie z.B. freier und fairer Zugriff auf Information, Bildung von Informationskompetenz für alle

  • durch Entwicklung rechtlicher und standardisierender Rahmenbedingungen, wie z. B. neuer fairer Besteuerungsmodelle oder eines neuen „fair use“ im Urheberrecht,

  • durch die Förderung von Vorhaben zur Entwicklung innovativer Produkte,

  • durch Anforderungen an ein leistungsfähiges Informationsmarketing (als Bringschuld der Fachinformation)

  • durch das Schaffen neuer vernetzter Organisationsformen

 

Wissenschaft

Von der fortschreitenden Ökonomisierung von Wissen und Information sind auch die Bereiche Wissenschaft und Bildung betroffen. So wie es in Kulturstaaten wie Deutschland mit den Bibliotheken immer gesichert war, so muß auch heute unter den Bedingungen des fortschreitenden Einsatzes von Informations- und Kommunikationstechniken und von Multimedia der freie Zugang der Wissenschaft zu den Ressourcen des Wissens, zu den Produkten und Dienstleistungen der öffentlichen und privaten, kommerziellen Informationsmärkte unbedingt gesichert sein.


Verteilung und Verbreitung von Wissen

Es müssen neue Wege gefunden werden, die es der Wissenschaft, in Koordination mit den gegenwärtigen Distributoren von Wissen (Verlagen, Agenturen, Bibliotheken, Buchhandel) und in Zusammenarbeit mit den Fachgesellschaften und den jeweiligen internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaften, erlaubt, neue Verfahren der Direktpublikation, Direktkommunikation und Direktverteilung in großem Stil zu entwickeln, ohne dabei Qualitätseinbußen gegenüber dem derzeit bestehenden Informations- und Kommunikationsbetrieb zu erleiden. Es kann nicht sein, daß die Wissenschaft ihre eigenen Produkte von der Wirtschaft zurückkaufen muß. Informationsmärkte werden zunehmend zu Endnutzer- und Endanbietermärkten, in Verbindung mit neuen, personalen und technischen Mittlerformen.

 

Politik und Verwaltung

Der Bedeutung von Fachinformation für die Bereiche Politik und Verwaltung muß deutlicher Rechnung getragen werden, damit Rationalität und Effizienz von politischen und administrativen Handlungen durch die Nutzung von Information gesteigert werden kann. Die Anstrengungen der Verwaltung, im Rahmen der derzeit favorisierten neuen Steuerungsmodelle bürgernähere und leistungsstärkere und mit der Wirtschaft koordinierte Verfahren zu entwickeln, hängen entscheidend davon ab, inwieweit ein leistungsfähiges Informationsmanagement und entsprechend der Zugriff auf einschlägige Fachinformation realisiert werden kann. Dieses Informationsmanagement muß zusammengehen mit der Bereitschaft der Verwaltung, im Sinne einer informationellen Symmetrie auch die Verwaltungsinformation selber für die Bürger umfänglicher und besser verfügbar zu machen.


Öffentlichkeit

Die Frage des Zugriffs auf die Informationsressourcen ist die entscheidende auch für die Fachkommunikationspolitik (s. Punkt 1), und zwar sowohl in nutzender als auch gestaltender Hinsicht. Die Rolle von Fachinformation zur Bildung von aufgeklärter Öffentlichkeit im demokratischen Gemeinwesen muß im Zusammenspiel mit den Medien der bisherigen Massenkommunikation, aber auch durch die Berücksichtigung neuer direkter Formen der Teilhabe der Bürger am öffentlichen Geschehen, z. B. über elektronische Foren, neu bestimmt und erweitert werden.


Kulturauftrag

So wichtig und unverzichtbar die ökonomische und politische Funktion von Fachinformation auch ist, es darf auf keinen Fall vernachlässigt werden, daß jede Generation die Pflicht hat, das bis dahin erarbeitete Wissen nachfolgenden Generationen aufzubereiten und aufzubewahren. Nicht umsonst baut die UNESCO derzeit weltweit nach den erfolgreichen Programmen des Weltnatur- und Weltkulturerbes derzeit ein Programm „Memory of the World“ auf. Es darf nicht passieren, wie derzeit dramatisch z. B. bei den großen chemischen Wissensbeständen wie Gmelin und Beilstein ersichtlich, daß der Staat durch vorschnelle Privatisierung sich der Verantwortung zur kontinuierlichen Bestandssicherung auch nur partiell entzieht. Sicherung von Fachinformation, Archivierung von Wissen zum Zweck zukünftiger, gegenwärtig vielleicht noch unbekannter Nutzung, ist eine wichtige Kulturaufgabe.


Informations- und Medienkompetenz

Unter Anerkennung der grundsätzlichen Zuständigkeit der Länder für Angelegenheiten von Aus- und Weiterbildung muß sich eine neue Informationspolitik verstärkt um die Entwicklung von Informations- und Medienkompetenz auf allen Ebenen der Ausbildung und in allen Bereichen der öffentlichen und privaten Weiterbildung kümmern. Hierzu gehört ebenfalls die Bereitstellung der entsprechenden technischen Infrastruktur und Lehr- und Lernmittel, aber auch die Weiterqualifikation der Ausbilder, Lehrer, Hochschullehrer selber. Nicht der Informatikführerschein ist das Ziel von Informationskompetenz, sondern die Bildung von Urteilskraft zur Einschätzung und Selektion von überbordender Information aus weltweiten heterogenen Quellen. Deren Zuverlässigkeit ist durchaus nicht immer bekannt. Entsprechend müssen nachvollziehbare Verfahren der Qualitätssicherung entwickelt werden.


Transparenz

Fachinformation geht alle gesellschaftlichen Bereiche an. Eine neue Fachinformationspolitik muß daher stärker als bisher auf Transparenz und Mitwirkung aller dabei beteiligten Gruppen ausgerichtet sein. Zweckmäßigerweise sollte dabei das BMBF weiterhin die koordinierende und stimulierende Rolle spielen. Es müssen dabei neue Formen entwickelt werden, durch die in der allgemeinen Öffentlichkeit, in den Fachgesellschaften, in den Medien, in den Organisationen der Informationswirtschaft und in den vielen gesellschaftlichen Gruppierungen bis hin zu den Bürgerbewegungen das Bewußtsein für die Wichtigkeit von Fachinformation und für die Verantwortung der Gestaltung des Fachinformationsgebietes auch gestärkt wird im internationalen Maßstab, z. B. zur Überwindung der Barrieren zwischen informationsarmen und informationsreichen Ländern.


Informationseinrichtungen

Zur Leistungsfähigkeit der Fachinformation gehören ihre Infrastruktur und die in den letzten ca. 25 Jahren eingerichteten Fachinformationseinrichtungen/-zentren. Deren Rolle ist in den letzten Jahren in erster Linie durch kaum weiter begründete Rationalisierungs- bzw. Privatisierungsanforderungen der Fachinformationspolitik in Frage gestellt worden. Die anstehende Transformation der Institutionen des Fachinformationsgebietes muß sehr vorsichtig und nach den Ergebnissen einer öffentlichen, weitgehenden Konsensdebatte geführt werden.


Infrastruktur

Die gegenwärtig unbefriedigende politische Situation des Fachinformationsgebietes ist auch darauf zurückzuführen, daß sich die Politik des Instruments einer Infrastruktureinrichtungen des Informationsgebietes selber durch Auflösung der Gesellschaft für Information und Dokumentation (GID) beraubt hatte. Seitdem beruhen politische Zielfindung, Politikberatung und die Wahrnehmung der vielfältigen informationellen Infrastrukturaufgaben und Öffentlichkeitsarbeit, auch bezüglich der Koordination in Europa, auf eher zufälligen Kontakten und sind kaum in der Öffentlichkeit nachvollziehbar. Es sollte Aufgabe der Fachinformationspolitik sein, herauszuarbeiten, unter welchen Bedingungen – jenseits eines heute gänzlich unangebrachten Zentralismus, aber auch jenseits einer zersplitterten Beliebigkeit – eine leistungsfähige, vernetzte, und für Kontinuität und Transparenz sorgende Fachinformationsinfrastruktur geschaffen werden kann.


Fachinformation als Kernstück der auf Wissen hin ausgelegten Informationsgesellschaft

Es ist zum Allgemeingut geworden, daß der Erfolg der Gesellschaft insgesamt und ihrer Teilbereiche davon abhängt, wie leistungsfähig sie die Prozesse der Produktion, Aufbereitung, Verteilung und Nutzung von Wissen und Information organisieren können. Information beruht auf vorhandenem Wissen, aus Information kann neues Wissen erzeugt werden.

Die Informationsgesellschaft macht nur dann Sinn, wenn sie jeden Bürger und jede Institution informationskompetent machen kann.

Informationskompetenz kann heute nicht mehr Wissensautonomie bedeuten, d.h. alles selber zu wissen, was zum Handeln gebraucht wird, wohl aber Informationsautonomie. Informationell autonom zu sein, heißt in der Lage zu sein, auf die Informationsressourcen, die auf den Märkten im Prinzip verfügbar sind, zugreifen, sie beurteilen und sie produktiv nutzen zu können. Informationelle Autonomie ist die Voraussetzung dafür, nicht absolut, aber mit Rücksicht auf aktuelle Situationen wissensautonom zu werden.

Informationelle Autonomie war in der längsten Zeit der Menschheit sicher eine Frage von Intelligenz und Kompetenz, aber in der Ausprägung auch eine Funktion der persönlichen Kommunikationsfähigkeit und der Chance, mit anderen, über anderes Wissen verfügenden Menschen zusammenzukommen, nicht zuletzt auch abhängig von der Möglichkeit, sich der Ressourcen des Wissens auch in materieller Hinsicht vergewissern zu können.

Aneignung von Wissen ist in der Neuzeit zur Chance vieler und im Prinzip aller geworden, und das hat sich mit der Entwicklung der elektronischen Darstellungs- und Verteilungsformen von Wissen auf elektronischen Informationsmärkten fortgesetzt. Nicht zuletzt soll die gegenwärtige Gesellschaft auch deshalb Informationsgesellschaft genannt werden, weil die Verwirklichung zumindest der öffentlichen und professionellen Lebensziele aller Bürger sich auf eine bis dahin nicht gekannte Verfügung über Wissen abstützen kann.

Eine moderne Gesellschaft wird darin zu messen sein, inwieweit sie ihre Mitglieder in die Lage versetzt, informationell autonom zu operieren. Dies ist der politische Rahmen und das Gestaltungsprinzip auch der Fachinformationspolitik.

Unter Anerkennung der Internationalisierung von Politik sollte es selbstverständlich sein, daß das Ziel der informationellen Autonomie nicht zum Privileg der Mitglieder fortgeschrittener Gesellschaften wie der Bundesrepublik Deutschland werden darf. Auch die deutsche Fachinformationspolitik muß an die politischen Forderungen z.B. der UNO bzw. insbesondere der UNESCO anknüpfen und entsprechende Maßnahmen vorsehen, daß das Recht aller Menschen auf den freien Zugriff zur Information die moralische Verpflichtung der fortgeschrittenen Länder bedeutet, sich für die Verringerung oder Beseitigung der Unterschiede zwischen Informationsreichen und Informationsarmen auch im zwischenstaatlichen Bereich einzusetzen. Eine nationale Informationspolitik kann und darf diese Aspekte nicht ausklammern.

Wenn die Informationsgesellschaft zu einer Wissensgesellschaft werden soll, kann Information nicht auf Unterhaltung und auch nicht auf ihren ökonomischen Aspekt alleine reduziert werden. Fachinformation geht es in bevorzugter Weise um Produktion, Aufbereitung, Verteilung und Nutzung von Wissen. Insofern ist das Fachinformationsgebiet das Kernstück der auf Wissen hin ausgelegten Informationsgesellschaft und bedarf der besonderen politischen Aufmerksamkeit und des besonderen politischen Gestaltungswillens.

Gerade in einer Zeit, in der der Charakter von Information als Ware überdeutlich und auch nicht reversibel ist, sind Öffentlichkeit und Politik gefragt, die Wege zur Information und zur Aneignung von Wissen für jedermann begehbar zu halten. Das Ziel der informationellen Autonomie bleibt dabei stabil, die Wege, es zu erreichen, haben sich in den letzten Jahren dramatisch geändert.

 

Fachinformation zur Absicherung professionellen und öffentlichen Handelns

  1. Fachinformation ist der Gegenstandsbereich im allgemeinen Gebiet von Information und Kommunikation, der sich damit beschäftigt, daß Fachwissen, das zur Absicherung professionellen und öffentlichen Handelns dient, in einer dem technischen, methodischen und organisatorischen Stand des Wissens entsprechenden Form aufbereitet, angeboten und genutzt werden kann. Es macht keinen Sinn, den Begriff der Fachinformation weitergehend zu definieren, z.B. als wissenschaftlich-technische Information. Fachinformation ist ein funktionaler Begriff. Was in dem einen Kontext Fachinformation ist, ist in einem anderen Kontext z.B. Unterhaltungsinformation.

  2. Durch die Eingrenzung auf Information zur Absicherung professionellen und öffentlichen Handelns soll zumindest versucht werden, die Bereiche Unterhaltung, Freizeit, Alltagskommunikation aus dem Aufgabenspektrum von Fachinformationspolitik auszugrenzen. Daß dies nicht immer möglich ist, zeigt z.B. der Medieninformation. Den Medien insgesamt kommt sicherlich ein gewichtiger, wenn nicht zentraler Anteil an der Bildung öffentlicher Meinung in allen Gesellschaftsbereichen zu, so auch von Wissenschaft, Technik, Wirtschaft und Politik. Im Sinne des funktionalen Definitionsvorschlags ist das auch Fachinformation, dient es doch der Absicherung öffentlichen Handelns und der aufgeklärten Teilhabe an demokratischen Meinungsbildungsprozessen.

  3. Die Versorgung mit Fachinformation ist Bestandteil des intellektuellen Kapitals der Gesellschaft. Auch wenn im folgenden in erster Linie auf die sich abzeichnenden Transformationen des Fachinformationsgebietes eingegangen wird, darf auf keinen Fall die bisherige leistungsfähige Fachinformationsstruktur – im Geflecht von Datenbasisproduzenten, Fachinformationseinrichtungen, Dokumentationen, Vermittlungsstellen, Datenbankanbietern und elektronischen Marktplätzen, u.a. – durch unangemessene Anforderungen und auf kurzfristige Erfolge angelegte Privatisierungen oder Auflösungen gefährdet werden.

  4. Kontinuität bei Fachinformationsleistungen ist ein hoher Wert; einmal eingetretene Diskontinuitäten können in der Regel kaum wieder repariert werden. Daher muß es sich die Gesellschaft zur Wahrung des Generationsauftrages der Bestandssicherung von Wissen auch leisten können, eine Weile bisherige und neue Strukturen parallel zu finanzieren.

 

Rahmenbedingungen der Transformation des Gebietes der Fachinformation

  1. Die fortschreitende Telemediatisierung, d.i. die tendenziell vollständige Durchdringung aller Lebensbereiche mit Techniken und Leistungen der Informatik, Telekommunikation und von Hyper-/Multimedia, ist das Gestaltungsprinzip für alle Bereiche der Informationsgesellschaft. Besonders stark betroffen sind davon das Gebiet und die Aufgaben der Fachinformation.

  2. Fachinformation ist von den Strukturveränderungen nicht zuletzt deshalb betroffen, weil Institutionen, Personen, Produkte und Dienstleistungen der Fachinformation traditionell den Mittlerformen zuzurechnen sind. Wenn eine Aussage auf dem Gebiet elektronischer (Informations)Märkte als gesichert gelten kann, dann die, daß die Mittler durch die Entwicklung des Internet zu einem allgemeinen Netzwerk nicht nur der Fachkommunikation, sondern der Publikumsmärkte am stärksten betroffen sind. Mittler sind z.B. Reisebüros im Touristikgewerbe, der Buchhandel als Mittler zwischen Endkunden und Verlagen, aber eben auch alle bisherigen professionellen Informations(vermittlungs)aktivitäten.

  3. Betroffen in der Mittlerfunktion sind nicht nur die eigentlichen Informationsvermittler, also die Information Broker auf dem Markt und im innerorganisationellen Geschehen, sondern auch die klassischen Informationsproduzenten und Informationsanbieter, also z.B. die Datenbasisproduzenten und die Datenbankanbieter; ebenso die Bibliotheken, die Verlage und die Druckereien, kurz: alle Institutionen und Personen, die sich mit der Erstellung, der Aufbereitung und dem Angebot von Informationsprodukten und Informationsdienstleistungen beschäftigen. Betroffen sind mit den Mittlerleistungen auch die Umgebungen der Produktion von Wissen und die der Nutzung von Wissen, indem bisherige Vermittlungsleistungen einmal in die Zuständigkeit der Produzenten selber, z.B. der Wissenschaft, zum andern in die der Nutzer fallen.

  4. Insgesamt ist nicht zu erwarten, daß Informationsmärkte trotz aller Endanbieter- und Endnutzertendenzen auf Mittlerleistungen verzichten können. Sicher aber, daß nichts auf den Informationsmärkten in den nächsten Jahren so bleiben wird, wie es jetzt ist. Für die Fachinformationspolitik ergeben sich dadurch hohe Gestaltungspotentiale, aber auch Gestaltungsanforderungen und Gestaltungsverantwortung.

  5. Eine neue Fachinformationspolitik, die weiterhin eine Politik der Informationsmittlerleistungen ist, muß die folgenden Aspekte, die auf die Transformation der Mittlerfunktionen einwirken, berücksichtigen:

  6. Konvergenzeffekte: Die Zielgruppen für informationelle Mittlerleistungen ändern sich: aus Märkten der Fachinformation und Fachkommunikation werden allgemeine Publikumsmärkte mit starken Konvergenzeffekten, d.h. lange Zeit getrennte Bereiche müssen aus Marktsicht zusammen gesehen werden.

  7. Informationelle Symmetrie: Zu der Ausweitung der Gegenstandsbereiche für informationelle Mittlerleistungen gehört die verstärkte Anforderung an den öffentlichen Bereich, seine Informationsbestände im Sinne einer informationellen Symmetrie den Bürgern offenzulegen, also nicht nur Information für Verwaltungszwecke anzufordern, sondern auch Information umfassend zurückzugeben. Das Prinzip der informationellen Symmetrie wird auch in anderen Bereichen zur Grundlage reziproken Marktverhaltens.

  8. Produktdiversifikation: Die Mittlerleistungen unterliegen einer weitgehenden Produktdiversifikation, vor allem unter dem Einfluß der Faktoren Online-Betrieb/Telekommunikation, Multimedia und Hypertextifizierung/Vernetzung.

  9. Marketingbedarf: Die Marktstruktur und das Marktverhalten insgesamt ändern sich. Aus bislang weitgehend angebotsorientierten Dienstleistungen werden zunehmend nachfrageorientierte Dienstleistungen mit der Konsequenz eines intensivierten Marketing.

  10. Postprofessionalisierung: Das gesamte Informationsgebiet unterliegt einer fortschreitenden Postprofessionalisierung, d.h. neben die klassischen Teilnehmer – Verlage, Buchhandel, Druckereien, Bibliotheken, Archive, Museen, Dokumentationseinrichtungen, Datenbasisproduzenten und Datenbankanbieter – treten viele Anbieter und Dienstleister, die zum engeren Informationsgebiet ursprünglich keinen Kontakt hatten, z.B. Banken, Versicherungen, Beratungsunternehmen, Medienhäuser jeder Art, Software-Hersteller, Kammern, Kommunen, aber im Prinzip jedes Wirtschaftsunternehmen, das in der Informationsgesellschaft als Teilnehmer der Informationswirtschaft auftreten und Geld verdienen will. Man kann diese Entwicklung nicht nur als Post-, sondern auch als neue Professionalisierung bezeichnen.

  11. Endnutzermärkte: Informationsmärkte entwickeln sich zunehmend zu Endnutzermärkten, d.h. die Entwicklung der Benutzerschnittstellen (direkte Manipulation, Graphik-Schnittstellen) erlaubt es immer mehr Personen, sich den Zugriff zu Informationsressourcen ohne Vermittlungsunterstützung direkt zu verschaffen.

  12. Endanbietermärkte: Informationsmärkte entwickeln sich zunehmend zu Endanbietermärkten, d.h. der leichte Zugriff zu den Netzwerken bzw. der kostengünstige Aufbau von eigenen elektronischen Informationsangeboten - nicht nur in Wirtschaft oder Wissenschaft, sondern im Prinzip für jedermann auch im Privatbereich (in Deutschland sind gegenwärtig mit stark steigender Tendenz ca. 2 Millionen Host-Rechner an das Internet angeschlossen) erlaubt es einzelnen Personen und nicht-professionellen Gruppen ihre Informationsleistungen direkt in das Netz zu stellen.

  13. Technische Informationsassistenz: Informationelle Mittlerleistungen werden zunehmend durch technische Informationsassistenten in den verschiedensten Ausprägungen wahrgenommen. Das reicht über Such-/Orientierungsassistenten über Transaktionsassistenten bis hin zu fortgeschrittenen Kommunikationsassistenten.

  14. Entsprechend den Veränderungen in den Rahmenbedingungen ist eine weitgehende Umschichtung in den Zuständigkeiten für die Erzeugung, Aufbereitung, Verteilung und Nutzung von Fachinformation zu erwarten. Dies wird in den einzelnen Bereichen – Wissenschaft, Wirtschaft, Politik. Bildung, Medien etc. - verschieden ausfallen. In jedem Fall sind die jeweils einschlägigen Partizipanden – in der Wissenschaft z.B. wissenschaftliche Autoren, wissenschaftliche Gesellschaften und Verbände, Verlage, Buchhandel, Druckwesen, Clearinghäuser, elektronischer Versandhandel etc. – an der Ausgestaltung der Fachinformationspolitik zu beteiligen.

 

Fachinformation und Wissenschaft

  1. Oberstes Ziel einer jeden Fachinformationspolitik muß es sein, der Wissenschaft die informationelle Grundlage zu geben, die sie in die Lage versetzt, in der Kontinuität mit den bislang erzielten Ergebnissen zu neuen Einsichten zu kommen, und gleichzeitig die Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Austausch des erarbeiteten Wissens mit Anwendern in allen gesellschaftlichen Bereichen (z.B. der Wirtschaft, Politik/Verwaltung, Bildung, Medien, aber auch der allgemeinen Öffentlichkeit) möglich macht.


Direktpublikation
  1. Angesichts der auf elektronischen Märkten möglich werdenden Formen der Direktpublikation und der Eigenverteilung müssen neue Spielregeln und Vereinbarungen im Zusammenspiel von Wissenschaftlern (Autoren und Nutzer), wissenschaftlichen Organisationen, Verlagen, Buchhandlungen und anderen (auch elektronischen Vertriebsformen) und Speicher- und Anbieterinstitutionen (wie Archive und Bibliotheken, Volltextdepots) gefunden bzw. getroffen werden. Hierbei ist auf die internationale Verflechtung, die Einhaltung von Standards und die Verfügbarkeit in der englischen Wissenschaftssprache zu achten.

  2. Es müssen in den Hochschulen und anderen Wissensproduktionseinrichtungen die Voraussetzungen dafür geschaffen oder erweitert werden, daß Wissenschaft die Publizität ihrer Forschungsergebnisse selber in die Hand nehmen kann.

  3. Es muß geklärt werden, welche Rolle die Verlage und die anderen Vermittlungseinrichtungen (Buchhandel etc.) weiterhin bei der (elektronischen) Direktbereitstellung spielen sollen. Insbesondere bedarf es erheblicher Gestaltung bei z.B. den folgenden Problemen:

  4. Es müssen neue, effizientere Mechanismen der Bekanntmachung (Metainformationsformen) entwickelt werden, um bei durchgängiger Direktpublikation die Ergebnisse auch öffentlich allgemein bekannt zu machen.

  5. Neue Formen des Wissenschaftsmarketing und der Wissenschaftswerbung sind in den elektronischen Medien erforderlich.

  6. Im Wissenschaftsbereich ist Kompetenzerweiterung nötig, um die Informationsarbeit der informationellen Aufbereitung (Inhaltserschließung/Wissensrepräsentation, mediale Veredelung, Übersetzung, etc.) entweder selber leisten zu können oder dafür neue Kooperationspartner zu finden.

  7. Neue Verfahren der Qualitätssicherung müssen bei durchgängiger Direktpublikation entwickelt werden, um die Standards im Wissenschaftsbereich aufrecht erhalten zu können, ohne dadurch restriktiv die innovativen Möglichkeiten des Publizierens durch jeden zu verschütten.

  8. Sowohl Urheberrecht und Copyright für wissenschaftliche Publikationen müssen neu definiert werden. Es muß eine neues Fair-use-Prinzip entwickelt werden.

  9. Umschichtungen im Autorenbegriff sind durch die in den elektronischen Medien verstärkt auftretenden virtuellen Publikationsformen zu erwarten, und es muß ihnen Rechnung getragen werden.

  10. Die in den elektronischen Medien und durch Formen der Direktpublikation verstärkt auftretenden Probleme der Dauerarchivierung - Sicherung des Bestandes des Wissen - müssen in Zusammenarbeit mit den betroffenen und zuständigen Personen und Institutionen gelöst werden.


Informationelle Absicherung der Wissenschaft
  1. Oberstes Ziel bei der Arbeit der informationellen Absicherung von Wissenschaft muß der freie und uneingeschränkte Zugriff zu dem Wissen und zu den Ressourcen der Information sein, die in öffentlicher Zuständigkeit hergestellt wurden.

  2. Das gilt zunächst selbstverständlich für das im Bereich der Wissenschaft und anderen öffentlich finanzierten Einrichtungen produzierte Wissen und den daraus abgeleiteten Informationsleistungen. Das gilt aber auch für die Angebote/Mehrwertleistungen der Informationswirtschaft. So wie durch staatliche Finanzierung die Bibliotheken auf den Märkten die gedruckten und andere mediale Produkte kaufen und dann gebührenfrei ihren Nutzern bereitstellen konnten/können, so müssen auch die elektronischen Informationsprodukte angekauft und den Berechtigten zugänglich gemacht werden.

  3. In den Hochschulen und anderen Wissensproduktionseinrichtungen muß verstärkt der Aufbau informationeller Sensibilität und Kompetenz gefördert werden. Der methodisch geschulte Umgang mit Fachinformation muß zur Basisqualifikation eines jeden Wissenschaftlers gehören. Dazu gehört auch die Kenntnis und Einhaltung der entsprechenden internationalen Standards im Wissens- und Informationsbereich.

  4. An den Universitäten sind Infrastruktureinrichtungen für Information und Kommunikation einzurichten. Die bisherigen Rechenzentren und Bibliotheken sollen verstärkt zusammenarbeiten bzw. gemeinsame Einheiten bilden, die in erster Linie die Informationsarbeit von Wissenschaftlern in jeder Hinsicht, nicht nur Rechnen und Buchbeschaffung, unterstützen sollen.

  5. Es müssen neue Modelle des wissenschaftlichen Arbeitsplatzes und der informationellen Absicherung (über wissenschaftliche Marktplätze) entwickelt werden, die sich an der Metapher der Portale orientieren könnten, d.h. Wissenschaftler treten durch auf ihre individuellen Bedürfnisse hin zugeschnittenen Portale in eine Fachinformationswelt ein, in der sie in einem elektronischen Informationsraum alles an Information finden, was sie zur Lösung anstehender Probleme brauchen – schnell, einfach, strukturiert, handlungsrelevant, qualitativ bewertet.

  6. Es müssen Finanzierungsmodelle entwickelt werden, die den Bedürfnissen der Öffentlichkeit nach freiem Zugang zur Information in der Wissenschaft Rechnung trägt und ebenso dem berechtigten Ansinnen der Informationswirtschaft, auch mit Produkten der Fachinformation Gewinne zu erzielen.

  7. Die Informationswirtschaft muß auf angemessene Weise dem Wissenschaftssystem (nicht unbedingt den Autoren selber) den Input an Originalwissen für ihre Produkte honorieren. Es kann nicht angehen, daß die Informationswirtschaft die wissenschaftliche Originalproduktion sich weitgehend kostenlos aneignen kann, um darauf marktfähige Produkte zu machen, die dann von der Wissenschaft selber zurückgekauft werden müssen.

 

Fachinformation und Wirtschaft

  1. Die Informationsgesellschaft ist in ökonomischer Hinsicht wesentlich dadurch geprägt, daß in ihr die Verfügung über Wissen zu den wesentlichen Erfolgsfaktoren gehört. Nicht umsonst wird zum Bewertungsmaßstab von Organisationen, auch an der Börse, die Einschätzung ihres intellektuellen Kapitals. Dieses Kapital kann immer weniger aus den Organisationen heraus selber erarbeitet werden, sondern ist auf die Erschließung aus den sich immer mehr global organisierenden Informationsmärkten angewiesen. Die Kompetenz von Organisationen beruht nicht zuletzt darauf, die vorhandenen Informations- und Kommunikationsstrukturen in technischer und methodisch-inhaltlicher Sicht für ihre Zwecke einzusetzen.

  2. Strategien und Aktivitäten im Bereich der Fachinformation müssen diesem Strukturwandel in der Wirtschaft, der immer mehr zu virtuellen Organisationsformen im globalen Maßstab führen wird, Rechnung tragen. Auch wenn nationale Informationspolitiker nur noch in der Kommunikation mit den europäischen und internationalen Aktivitäten möglich sind, ist es doch die spezielle Aufgabe der Fachinformationspolitik in der Bundesrepublik Deutschland, die informationelle und kommunikative Infrastruktur bereitzustellen, die es der Wirtschaft in Deutschland erlaubt, mit entsprechendem intellektuellen Kapital ausgerüstet in dem globalen Wirtschaftsgeschehen erfolgreich mitzumischen. Dazu gehört auch die Unterstützung des Wissenstransfers aus den Bereichen der Wissensproduktion (z. B. den Universitäten) in den Bereich der Wissensnutzung (hier der Wirtschaft)

[Vorschläge für konkrete Maßnahmen einfügen]

 

Fachinformation und öffentlicher Bereich

  1. Die Aussagen zur Bedeutung des intellektuellen Kapitals für die Wirtschaft gelten ebenso für den öffentlichen Bereich aus Politik und Verwaltung auf allen Ebenen. Hier sind drei wesentliche Tendenzen auszumachen:

  • eine fortschreitende „Verwissenschaftlichung“ des Politik- und Verwaltungsgeschehens

  • eine fortschreitende Vernetzung der Politik- und Verwaltungsbereiche, zunächst im europäischen Maßstab, dann auf vielen Gebieten auch im globalen Maßstab

  • die zunehmende Bedeutung von „öffentlicher Information“ zur Gestaltung aller gesellschaftlichen Bereiche und damit die verstärkte Nachfrage nach ihr bzw. die Anforderung, zu dieser leichter als bisher Zugriff zu haben.

  1. Eine Fachinformationspolitik muß entsprechend dem Rechnung tragen, daß der öffentliche Bereich verstärkt die von ihm erzeugten Informationen auf angemessene und die Potentiale der Information- und Kommunikationstechnologien ausnutzende Weise der Öffentlichkeit (der Wirtschaft, aber auch dem allgemeinen Publikum) zur Verfügung stellt.

  2. Der Zugriff zur öffentlichen Information, sofern sie öffentlich werden kann, muß grundsätzlich uneingeschränkt und gebührenfrei sein. Ob der Staat selber als Informationsanbieter auftritt oder andere Organisationen damit beauftragt, ist eine wichtige, aber nicht entscheidende Frage. Es darf aber nicht die Situation auftreten, daß in einer Demokratie die Bürger die öffentliche Information von privaten Anbietern ankaufen muß.

  3. Weiterhin muß die Fachinformationspolitik, die sich zum Ziel setzt, daß auch öffentliches Handeln informationsrational organisiert ist, Maßnahmen dafür treffen, daß das Wissensmanagement in den Bereichen Politik und Verwaltung verstärkt auf die Ressourcen der Informationsmärkte zurückgreifen kann, sich also nicht nur auf die internen Ressourcen verläßt.

  4. Entsprechend sind die Kommunikationsinfrastrukturen zu schaffen, die Politik und Verwaltung einen effizienten Austausch mit anderen Politik- und Verwaltungsbereichen, mit den Informationsmärkten, aber vor allem auch mit ihrer Klientel in allen Bereichen der Gesellschaft ermöglicht.

[Maßnahmen einfügen]

 

Fachinformation und (mediale) Öffentlichkeit

  1. Vom allgemeinen Strukturwandel in der Informationsgesellschaft sind auch die Formen der Erstellung demokratischer Öffentlichkeit betroffen, die bislang in erster Linie von den klassischen Medien wahrgenommen wurden. Auch bei den Medien werden Formen der globalen Vernetzung, der Virtualisierung ihrer Organisationsformen und vor allem der Bedeutung der Vertiefung über intellektuelles Kapital immer wichtiger.

  2. Fachinformationspolitik muß dem Rechnung tragen, daß ein öffentliches Interesse daran besteht, daß die Medien die Ressourcen der Information, vor allem von öffentlich erzeugter Information aus Politik/Verwaltung und Wissenschaft, für ihre Arbeit nutzen können. Dies bedeute auch, daß Fachinformation in einer Weise aufbereitet wird, daß sie auch in nicht-wissenschaftlichen Umgebungen genutzt werden kann.

  3. Auch der andere Aspekt der Erzeugung demokratischer Öffentlichkeit durch das Publikum selber sollte Gegenstand der Fachinformationspolitik sein: Es ist nicht zu verkennen, daß das Meinungsbildungs“monopol“ der Politik- und Medienprofessionellen durch den fortschreitenden Einsatz von elektronischen Kommunikationsformen (Email, Foren, Konferenzsysteme etc.) auch für das allgemeine Publikum transformiert wird. Es müssen entsprechende kommunikative Infrastrukturen geschaffen werden, auch beispielsweise zur Vorbereitung und Durchführung von Wahlen, die den möglichen Wandel des Demokratieverständnisses in der Informationsgesellschaft in Richtung direkter Formen Rechnung tragen können.

 


Fachinformation im Bildungsbereich

  1. Das Fachinformationsgebiet kann nur so gut sein bzw. so erfolgreich auf die anderen Gebieten der Gesellschaft einwirken, als die Menschen informationskompetent sind, und zwar in dem doppelten Sinne:

  • aus Anbieter- und Vermittlersicht in der Lage sein, die Produkte und Dienstleistungen zu erstellen, die benötigt und nachgefragt werden (wobei Anbieter durchaus auch Informationslaien sein könne)

  • aus Nutzersicht auf die auf den Informationsmärkten vorhandenen Informationsressourcen zugreifen, sie beurteilen und für ihr aktuelles Handeln nutzen zu können.

  1. Lange Zeit beschränkte sich Informationskompetenz auf die eher technische Sicht (exemplarisch in den Forderungen nach dem Informatikführerschein deutlich geworden). Es ist aber heute klar erkennbar, daß die Wettbewerbsfähigkeit der Informationswirtschaft zwar auf der Verfügung der technischen Informations- und Kommunikationsinfrastruktur (den Rechnern und der Telekommunikation) beruht, die Umsätze aber immer mehr über die Inhalte bzw. über die Erzeugung informationeller Mehrwerte über die Inhalte, also durch die vielfältigen Informationsprodukte und –dienstleistungen selber erzielt werden. Die Informationswirtschaft benötigt entsprechend dringend Personal, das im Umgang mit Information selber professionell geschult ist.

 

Infrastruktur der Fachinformation

  1. Zur weiteren Infrastruktur der Fachinformation gehören auch die in den letzten ca. 25 Jahren eingerichteten Fachinformationseinrichtungen/-zentren. Deren Rolle ist in den letzten Jahren in erster Linie durch kaum weiter begründete Rationalisierungs- bzw. Privatisierungsanforderungen der Fachinformationspolitik in Frage gestellt worden, ohne daß eine öffentliche Debatte darüber geführt worden ist, in welchem Ausmaß in Deutschland die Öffentlichkeit/der Staat für die institutionelle Finanzierung welcher Zentren auf welchen Gebieten des Wissens sich für zuständig erklärt bzw. welche neue Aufgaben auf die Fachinformationszentren zukommen, für die sie institutionelle und personelle Kapazität und Kompetenz haben.

  2. Die anstehende Transformation der Institutionen des Fachinformationsgebietes muß sehr vorsichtig und nach den Ergebnissen einer öffentlichen, weitgehenden Konsensdebatte geführt werden.

  3. Die unbefriedigende politische Situation des Fachinformationsgebietes ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, daß sich die Politik des eigens dafür geschaffenen Instrumentes einer Infrastruktureinrichtungen des Informationsgebietes selber durch Auflösung der Gesellschaft für Information und Dokumentation (GID) beraubt hatte. Seitdem beruhen politische Zielfindung, Politikberatung und die Wahrnehmung der vielfältigen informationelle Infrastrukturaufgaben und Öffentlichkeitsarbeit, auch bezüglich der Koordination in Europa, auf eher zufälligen Kontakten und sind kaum in der Öffentlichkeit nachvollziehbar.

  4. Es sollte Aufgabe der Fachinformationspolitik sein, herauszuarbeiten, unter welchen Bedingungen – jenseits eines heute gänzlich unangebrachten Zentralismus, aber auch jenseits einer zersplitterten Beliebigkeit – eine leistungsfähige und für Kontinuität und Transparenz sorgende Fachinformationsinfrastruktur geschaffen werden kann. Dafür ist sicherlich eine kleine leistungsstarke autonome Institution (keine nachgeordnete Einrichtung der Politik) erforderlich, wichtiger aber sind neue, die Potentiale der gegenwärtigen Kommunikationstechnologien nutzende Formen wie runde Tische, Foren und alle Formen des direkten Austauschs über Konferenzen, Hearings, Workshops etc.

 

Politische Steuerung und Zuständigkeit für Fachinformation

  1. Bislang ist dem BMBF bzw. seinen Vorläuferinstitutionen die Federführung bei der Ausgestaltung des Fachinformationsgebietes zugekommen. Angesichts der zentralen Bedeutung von Wissenschaft, Technik und Bildung für Fachinformation ist es auch weiterhin sinnvoll, daß das BMBF hier die treibende und politikgestaltende Kraft bleibt, allerdings in Zukunft mehr in dem Sinne, daß das an den Rändern immer mehr sich ausdifferenzierende Gebiet der Fachinformation einer Instanz bedarf, die koordinierend, steuernd tätig wird und insgesamt für Transparenz im Fachinformationsgeschehen sorgt.

  2. An beiden – an entsprechender Koordination und an der Transparenz – hat es in den Jahren entscheidend gefehlt. Auch im Vergleich zu anderen Ländern in Europa und im Weltmaßstab sind die Beträge, die in Deutschland für die Unterstützung der Fachinformation ausgegeben wurden, nicht unverhältnismäßig gering. Aber das Gebiet ist in den Zuständigkeiten und Maßnahmen nach wie vor stark zersplittert – dies war die Kritik des ersten Berichtes des Bundesrechnungshofes an der Situation der Dokumentation Mitte der sechziger Jahre – und läßt in den letzten Jahren keine klare Zielsetzung und kompetente Umsetzung erkennen.

  3. Beispiele für unzulängliches politisches Management der Fachinformation sind zahlreich anzuführen: angefangen von der unzureichenden, obgleich auch vom Wissenschaftsrat verschiedentlich eingeklagten Unterstützung der Informationswissenschaft, der unüberlegten Auflösung der Infrastruktureinrichtung für das Fachinformationsgebiet (GID), über die katastrophale Mis-Management-Entscheidungen bei zentralen Dienstleistungsangeboten in der Chemieinformation (Gmelin, Beilstein) und anderen Informationsangeboten bis hin zur gänzlich unzulänglichen Informationspolitik bezüglich der Fachinformationseinrichtungen (FIS-/FIZ-Politik), der unzulänglichen Zusammenarbeit mit den anderen Partizipanden des Informationsgebietes (z.B. Verlage, Bibliotheken, internationale Institutionen) oder der unerträglichen Verzögerung bei der Implementierung von an sich innovativen Vorhaben wie Global-Info, ... .

  4. Ebenso gewichtig wie die fehlende Koordinationskompetenz – man kann eher von negativer Koordination sprechen, also der Eingrenzung auf das vom BMBF-Referat allein Entscheidbare,– ist die mangelnde Transparenz im Fachinformations(förder)geschehen. Hier ist in den letzten Jahren eine Politik der Intransparenz betrieben worden, die in hohem Maße wissenschaftliche Einrichtungen, Fachgesellschaften und viele Wissenschaftler, ebenso wie die fachinformationsbezogenen Einrichtungen (die FIZen), verunsichert haben und die im direkten Widerspruch zu den Gestaltungszielen der Fachinformation in der Informationsgesellschaft steht. Hier ist eine Strukturveränderung dringend erforderlich.

  5. Aufgabe der Fachinformationspolitik muß es sein, eine leistungsfähige politische Fachinformationsstruktur aufzubauen, deren oberste Ziele die Koordination mit allen nationalen und übernationalen politischen Einrichtungen, mit den wissenschaftlichen Institutionen und den Institutionen des weiteren Fachinformationsgebietes sowie das Schaffen von Transparenz (als Bedingung der Akzeptanz in der Öffentlichkeit) gehören. Zu letzterem gehört auch ein intensiviertes politisches Informationsmarketing.

1 [Henrichs 84] schlägt die folgenden allgemeinen, dann aber auch für eine steuernde (Fach)Informationspolitik zutreffenden Unterscheidungen vor: a) Informationelle Ordnungspolitik, durch die die rechtlichen Rahmenbedingungen z.B. für das Funktionieren der Informationsmärkte festgelegt werden können. Beispiele sind die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts zum Prinzip der informationellen Selbstbestimmung oder die Änderung des Grundgesetzes der Bundesrepublik, um nach der Liberalisierung auch die Privatisierung der Telekom AG im gewünschten Ausmaß vorwärtstreiben zu können. b) Informationelle Strukturpolitik, durch die in Ergänzung zu den informationspolitischen Ordnungsmaßnahmen "Strukturvorgaben und Zielvorstellungen" von staatlicher Seite formuliert werden können, wodurch der Rahmen gesetzt wird, innerhalb dessen die Akteure auf dem Informationsmarkt handeln können. c) Informationelle Förderpolitik, durch die ordnungs- und strukturpolitischen Vorgaben gestaltend konkret umgesetzt werden können. In weitgehend liberalisierten Wirtschaftssystemen wie den USA schlägt sich das in der Regel weniger in konkreten Programmen nieder, sondern eher in indirekten Maßnahmen und Anreizen, z.B. steuerpolitischer Art. In der EU wird seit geraumer Zeit intensiv auf direkte gestalterische Maßnahmen gesetzt, z.B. im Zusammenhang der inzwischen fünf Forschungsrahmenprogramme. Und in Deutschland sind, wie erwähnt, bis in die Gegenwart die Fachinformationsprogramme mit förderpolitischen Vorgaben die Instrumente der Informationspolitik.



2

3 Der Diskurs-Ansatz muß im übrigen nicht im Widerspruch zu den anderen beiden Positionen stehen. Durch den Diskurs kann sowohl die erste Position begünstigt werden, indem von Seiten des Staates die Ergebnisse des Diskurses z.B. in die Zielformulierungen und Maßnahmen der entsprechenden Förderprogramme aufgenommen werden, als auch die zweite Position, indem der Diskurs zu Selbsthilfemaßnahmen der beteiligten Akteure unter Vernachlässigung der staatlichen Initiativen führen kann. In der Regel wird es entsprechend Mischformen geben.

4 Dem widerspricht nicht die Tatsache, daß zu ca. 50% die Wissensproduktion in privaten Umgebungen der Wirtschaft geschieht. Auch diese Wissensproduktion wird zu großen Teilen durch staatliche Maßnahmen direkt oder indirekt unterstützt und bedient sich vor allem der Expertise von Menschen, die in staatlich finanzierten Einrichtungen ausgebildet wurden.

5 Der Arbeitskreis Fachinformation hat mit Stand 20. Juli 1999 unter dem Titel „Fachinformation und Fachkommunikation in der Informationsgesellschaft“ Eckwerte einer neuen Fachinformationspolitik in der Bundesrepublik vorgelegt. Die folgenden Ausführungen zu einem Neuansatz in der Fachinformationspolitik orientieren sich weitgehend an diesem Eckwerte-Papier.

 

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letzte Änderung am 27.04.2000