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Rainer Kuhlen Berlin 20.7.2001
Möglicherweise ist dem Pionier der Performance-Kunst Wolfgang
Flatz, der, wie berichtet, hängend an einem Kran und begleitet
von Protesten der Tierschützer, am 19.7.2001 um 21.50 eine
tote Kuh von einem Hubschrauber aus 40 Meter tief in ein Netz in
einer Baugrube der "Backfabrik" an der Prenzlauer Allee
in Berlin abstürzen ließ, bekannt - eher aber wohl nicht
-, daß es in der Internet-Hacker-Szene eine höchst wirkungsvolle
Gruppe namens "Cult of the Dead Cow" gibt, die in der
Vergangenheit durch öffentliche Bereitstellung entsprechender
Software z.B. auf gravierende Sicherheitslücken in Microsoft-Betriebssystemen
aufmerksam gemacht hat. Vielleicht haben diese "Kult"-Handlungen
etwas mit der Kunst-Handlung zu tun, eine tote Kuh vom Hubschrauber
abzuwerfen."
"Cult of the Dead Cow" wird
gegenwärtig in der Internet-Szene heftig durch die Ankündigung
der Browser-Software "Peeka Booty" diskutiert, durch welche
die wie auch immer motivierten und immer mehr zum Einsatz kommenden
Filter- und Abblockverfahren im Internet unterlaufen werden können.
Dies mit Berufung auf das Grundrecht freier Kommunikation und des
freien Zugriffs auf Information beide bedroht durch Filter-
und Abblock-Software.
So etwas sehen die Bertelsmänner
dieser Welt, die auf Filter-Software als Mittel der Selbstregulierung
der Wirtschaft setzen, um das Internet "sauber" zu halten,
gar nicht gerne. Erst recht beäugen dies politische Instanzen
in aller Welt mißtrauisch, weil damit alle Bemühungen,
die Kontrolle über nicht gewollte oder gesetzeswidrige Informationsflüsse
zu behalten oder zu bekommen, hinfällig werden könnten.
Hinter so einer toten Kuh steht also weitaus mehr Sprengkraft als
in einer aus dem Hubschrauber in der Brotfabrik real abgeworfenen
toten Kuh. Parallelen drängen sich aber doch auf.
Es ist offenbar schwierig, den "Abwurf"
realer oder virtueller Kühe durch gesetzliche Maßnahmen
in den Griff zu bekommen oder gar zu verhindern (Berliner Gerichte
wiesen einen Antrag gegen die Rinder-Performance zurück). Ansatzweise
hat man dies in den USA versucht, als das "Copyright Millenium
Act" verabschiedet wurde, indem expliziert das Schreiben und
natürlich das Öffentlich-Machen von Software untersagt
wurde, die Bestimmungen des Copyright außer Kraft setzen kann.
Allerdings mit mäßigem Erfolg. Vielleicht gibt es demnächst
auch in Deutschland ein Gesetz von den gegenwärtigen
Justiz- und Innenminsterien, die stark auf selbstregulierende Filter-Software
der Wirtschaft setzen, könnte das erwartet werden -, das Software
untersagt, durch die Filter-Software unterlaufen werden kann. Man
wird also wohl weitere Kühe in der Zukunft werfen müssen.
Parallelen sind auch in der öffentlichen
und moralischen Einschätzung der Berechtigung realer und virtueller
toter Kühe zu finden. Bei der Filter-Kuh auf der einen Seite
die Verteidigung des Grundrechts auf freien, hier nicht durch Filter
eingeschränkten Informationsfluß, auf der anderen Seite
die Verteidigung der Pflicht, die Internetinhalte von allen schädlichen
Elementen freizuhalten, sei es aus Gründen des Jugendschutzes,
der Abwehr von Kriminalität oder politischer Subversivität
oder aus Gründen der informationellen Selbstbestimmung, nur
das aus dem Internet an sich herauskommen zu lassen, was man selbstbestimmt
aufnehmen will bzw. das abwehren zu können, was man nicht will.
Bei der realen toten Kuh ist es fast
einfacher. Hier streitet das Recht auf freie, in ihrem Gestaltungsspielraum
unbehinderte Kunst mit den Wertesystemen von Tierschutzverbänden
oder mit dem gegenwärtig guten öffentlich Geschmack.
Man mag weitere Parallelen finden. Eine
noch zum Schluß: Die gute Intention von Hackern, z.
B. auf Sicherheitsdefizite und auf das Grundrecht des freien Zugriffs
hinzuweisen, kann sich ins Gegenteil vorkehren, wenn z. B. die Sicherheitslücken-Software
der "Cult of the Dead Cow" von Crackern gerne benutzt
wird, um in krimineller Absicht in fremde Computersysteme einzubrechen.
Vielleicht löst ja der Abwurf der realen toten Kuh einen ähnlichen
Nachahmungs-Boom aus, wie die ursprünglich bewunderte Graffiti-Kunst
der Sprayer. Nicht auszudenken, was alles von wem von wo auch immer
zu welchem Zweck auch immer abgeworfen werden kann. Ambivalent
ist tatsächlich, wie Karl Kraus vermutete, das Gegenteil von
"gut gemeint"?
Was doch so alles auf die Haut der realen
und virtuellen Kühe gehen soll. Woher dieser Spruch auch immer
stammen mag - er spiegelt in der negativen Formulierung (geht auf
keine Kuhhaut) - schon immer die Kritik an bestehenden Normen wider.
In der ältesten mir bekannten Formulierung illustriert der
Spruch eine Kuhhaut, die als Freske an die Wand einer der romanischen
Kirchen auf der Insel Reichenau gemalt ist. Im danebenstehenden
Text wird über die Schwatzlust der Frauen kritisch angemerkt,
daß das, was sie so über andere lästernd verbreiten,
auf keine Kuhhaus gehe. In der Gegenwart werden wir wohl kaum schnell
entscheiden können, mit welcher Berechtigung und vor allem
mit welchen Konsequenzen Normen (im Alltag und im Internet) durchbrochen
werden dürfen oder gar müssen. Vielleicht ist es wichtiger,
die zugrundeliegenden ethischen und ästhetischen Prinzipien
erst einmal herauszuarbeiten, wobei es der Künstler leichter
hat als die Hacker-Gruppe, denn für ihn ist der bloße
Akt, eine tote Kuh vom Hubschrauber abzuwerfen, schon dadurch, daß
er Realität wird und wahrgenomen wird, Rechtfertigung genug.
Anti-Blocker mit nicht-sinnlicher Software haben es nicht leicht,
Konsens zu finden.
Rainer Kuhlen
Professor für Informationswissenschaft
an der Universität Konstanz, derzeit an der Humboldt-Universität
zu Berlin.
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