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Stephan Werner

Zensur im Internet - notwendig oder überflüssig?

Nach einer Mitte April 2000 veröffentlichen Studie der amerikanischen Nonprofit-Organisation FreedomHouse herrscht noch in 63% von 186 untersuchten Staaten eine eingeschränkte Internet- und Pressefreiheit.

Während bei 51 Staaten eine teilweise Einschränkung festgestellt wurde, wird bei weiteren 69 Staaten ein nicht freier, unter staatlichen Restriktionen stehender Informationzugang attestiert. Ende April 2000 wurde vom Europarat ein erster Entwurf für eine internationale Konvention gegen Kriminalität im Internet verabschiedet.
Ziel ist es internationale Maßnahmen gegen Hacker, Copyright-Verletzungen aber auch pädophile Darstellungen im Web zu koordinieren und staatliche Restriktionen aufeinander abzustimmen. Die geplanten Maßnahmen bedeuten aber auch eine verstärkte staatliche Kontrolle.
Ein Vergleich mit der oben genannte Studie zeigt, dass von den 41 Mitgliedsstaaten des Europarates bei zweien (Kroatien und Georgien) eine deutliche Zensur festgestellt wurde und bei fünf weiteren eine partikuläre (Albanien, Moldavien, Russland, Türkei und Ukranie). Durch die Angriffe auf die Webseiten von namhaften Internetfirmen hatte die Initiative neue Nahrung erhalten. Dieses Vorgehen war in gewisserweise auch zu erwarten, wie das Washingtoner Center for Democracy and Technology (CDT) schon im Februar 2000 vorausgesagt hat. Dass nämlich Hackeraktivitäten als Rechtfertiggrund für Gesetzesinitiativen und andere staatliche Maßnahmen herhalten müssen, obwohl die Betroffenen selber in der Lage sind, die Bedrohungen in den Griff zu bekommen. Es ist deshalb auch zu vermuten, daß die jüngste globale Webattacke, der Emailwurm "ILOVEYOU“, ebenfalls dazu herangezogen wird. (erste Meldung dazu bei Heise vom 9.05.00: US-Ministerin fordert einheitliche Gesetze gegen Computerkriminalität)

So wundert es nicht, dass es - vor allem auf privater Initiative – Aktivitäten für ein freies Internet gibt.
So die jüngste Maßnahme durch den Briten Ian Clarke, der Ende April 2000 sein Freenet vorstellte. Ein paralleles Internet, welches auf der Basis des bestehendes Netzes entsteht und durch spezielles Software ein Verbund von Computern schafft, welche nicht zu kontrollieren sind: Ein Netz ohne Zensur und mit garantierter Anonymität. Der Initiator nimmt dabei in Kauf, dass sein Ansatz eine optimale Bedingung für kriminelle Organisationen, der Verbreitung von Kinderpornographie und Copyright-Verletzungen schafft (vgl. Heise-Artikel vom 27.04.00).

Diese geplante und inzwischen auch bestehende Netzanarchie hat sicherlich eine informationsethische Brisanz. Es hat den Anschein, als hätte das Web nur die Wahl zwischen restriktiver staatlicher Kontrolle und Anarchie, zumindestens ist der zukünftige Weg sicherlich ein Balanceakt zwischen diesen beiden Extremen.

Kontakt:
Info@nethics.net
 
letzte Änderung am 12.05.2000